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Immer mal wieder macht Sachsen Schlagzeilen - gefühlt durchweg negativ. Neben Pegida, Bachmann und Legida zeigt vor allem die sächsische Justiz schwere Bewusstseinsstörungen, wenn es um zivilgesellschaftliches Engagement geht. In Dunkeldeutschland haben sie nicht nur den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König versucht zu verurteilen und scheiterten damit grandios. Bescheinigt wurde der Staatsanwaltschaft hier eine Verschiebung von Beweismitteln am Rande der Fälschung.  Die gesamte Anklage war auf Lügen aufgebaut. Das hinderte sie nicht daran, zu versuchen Einfluß auf die Wahl zum thüringischen Ministerpräsidenten zu machen, indem sie die Aufheung seiner Immunität forderten (und inzwischen bekamen). Ramelow muss sich verantworten, weil er eine Nazidemo blockiert haben soll. Sein Anwalt sieht hier ebenso wie beim Königprozess eine Beweisfälschung.

Das waren zwei Beispiele von vermeintlicher aktiver Blockade. jetzt geht die sächsische Justiz einen Schritt weiter: Die sächsischen Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Linke) und Monika Lazar (B90/Grüne) müssen mit Anklagen rechnen, weil sie im Vorfeld der Proteste gegen die rechtsextremen Legida-Demonstrationen zivilen Ungehorsam eingefordert haben. Die Staatsanwaltschaft sieht darin einen Aufruf zu Straftaten. Während Nazis also Journalisten verprügeln, verfassungsfeindliche Parolen gröhlen oder den Hitlergruß zeigen können (alles im Umfeld diverser *gida-Demonstartionen passiert) wird der Aufruf zur Zivilcourage offensiv sanktioniert.  Erneut ein trauriges Stück sächsischer Demokratiegeschichte.

Lesbische, schwule, queere Filme kommen ins Domstadtkino! Dabei werden einerseits Filme gezeigt, die kaum noch in Kinos zu sehen sind, wie etwa „Stadt der verlorenen Seelen“ von Rosa von Praunheim. Gleichzeitig kommen aktuelle Filme hinzu. Es gibt jeweils einen Doppelpack, der regional und überregional interessant ist. Durchgeführt wird die Reihe in Kooperation von Domstadtkino, Hochschule Merseburg und Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt.

Queerfilm - sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Domstadtkino
26. Februar 2015(Donnerstag) 19:30 “Faustrecht der Freiheit (Fassbinder)
22:00 “Pride”
23. April 2015 (Donnerstag) 19:30 “Freak Orlando”
22:00 “Sturmland”
25. Juni 2015 (Donnerstag) 19:30 “Stadt der verlorenen Seelen” (Praunheim)
22:00 “Mommy” (Xavier Dolan)
27. August 2015 (Donnerstag) 19:30 “Taxi zum Klo”
22:00 “Cruising” (James Franco)
29. Oktober 2015 (Donnerstag) 19:30 Berlin, Ecke Schönhauser (DDR 1975)
22:00 “Tiefe Wasser”
17. Dezember 2015 (Donnerstag) 19:30 “Milk”
22:00 “Alles ist Liebe” (Weihnachstkomödie)

Mehr infos gibt es auf "Das Ende des Sex"

Nachdem gestern in Köln, München, Münster, Rostock... gezeigt wurde, mwie gesellschaftlicher Protest gegen die braunden Rattenfänger_innen von Pegida und Co aussehen kann, haben sich nun Ableger in meinen beiden Lieblingsstädten gegründet. In Leipzig (LEGIDA) und in Hannover(HAGIDA) wollen die Rassist_innen am 12.Januar ihre Hass auf die Straße tragen.

In Leipzig gibt es sogar ein Positionspapier, welches neben dem üblichen antimuslimischen Hass auch die Abschaffung der Gleichstellungsbemühungen von Mann und Frau fordert. Eine gute Analyse dazu gibt es hier. Leipzig nimmt Platz hat einen Gegenaufruf gestartet und ruft zu kreativem Protest auf.

Folgende Demos sind bisher angemeldet (Quelle: Leipzig nimmt Platz):

 

  • Demonstration „Refugees welcome“
    → 16:00 Uhr ab Markt
    → Kundgebung ab 16:30 Uhr am Westplatz
    Aufruf (mehrsprachig) und weitere Informationen
  • Demonstration „Legida? Läuft nicht.“
    → 16:00 Universität Leipzig Hauptcampus/Innenhof
    Leipziger Studierende gegen Legida!
  • Demonstration „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt“
    → 18:00 Uhr ab Nikolaikirchhof
    Aufruf zum Sternmarsch
  • Demonstration des „Bündnis 8. Mai“
    → 17:00 Uhr ab Lindenauer Markt
    (bisher keine Infos auf der Homepage)
  • Kundgebung „Leipzig. Courage zeigen“
    → 18:00 Uhr auf dem Waldplatz
    (bisher keine Infos auf der Homepage)

Für Hannover haben verschiedene Gruppen Aktionen angekündigt. Sobald etwas bekannt wird, wird es hier veröffentlicht.

 

 

Zwangsarbeit spielte eine wichtige Rolle im Krieg der Nazis. Da massenhaft Männer für den Kriegsdienst herangezogen wurden und damit in den Betrieben nicht zur Verfügung standen, wurden insbesondere massenhaft Menschen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten in das Nazireich verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen – so die Autor_innen des Buches „Vergessene Geschichte – NS-Zwangsarbeit in Leipzig“, Florian Schäfer und Paula Mangold – waren damit im Alltag omnipräsent. Sie arbeiteten in kleinen und großen Unternehmen, untergebracht waren sie in Lagern – das waren Turnhallen, Baracken und alte Veranstaltungssäle. Umso erstaunlicher ist es, dass die konkrete Aufarbeitung der Zwangsarbeitergeschichte nur langsam vorangeht sowie Arbeiten der 1980er und 90er Jahre nur geringe Resonanz fanden.

coverDie Autor_innen wählen einen besonderen Weg der Auseinandersetzung: Sie entwickelten zwei Stadtrundgänge, die sie nun in Buchform vorstellen. Der erste Rundgang führt durch den Stadtteil Connewitz, der zweite durch Lindenau. Beides sind Leipziger Stadtteile mit eher klein- und mittelständischer Industrie, die sich direkt in die Wohnbebauung erstreckt (und erstreckt hat). Anhand praktischer Beispiele reden sie über die konkrete Lebenssituation von Zwangsarbeiter_innen, über die ausbeutenden Unternehmen und den gesetzlichen Rahmen. Sie zeigen die Orte und nennen die Täter_innen. Sie sprechen über die gegen die Zwangsarbeiter_innen – nicht etwa gegen die Zwangsarbeit (!) – gerichtete Stimmung der deutschen Anwohner_innen, über den gelebten Rassismus der Zivilbevölkerung.

Da ist zum Beispiel die Firma Eberspächer, 1936 in Esslingen gegründet mit einem Zweigwerk in Leipzig-Connewitz. Hergestellt wurden bei Eberspächer metallgefasste Verglasungen, später Auspuffanlagen. Nach den Zweiten Weltkrieg stellte das Unternehmen vor allem elektrische Autoheizungen her und ist heute mit 67 Standorten weltweit vertreten.

Zunächst wurden von Eberspächer in Leipzig Verbrennungsmotoren gebaut, dann die Produktion für die Kriegswirtschaft auf Flugzeugmotoren umgestellt. Dabei dirigierte das Reichsluftfahrtministerium tief in das Unternehmen hinein. Im Zuge der Produktion wurde das Gelände massiv vergrößert und die Kapazitäten erhöht. Eberspächer baute vier Lager für Zwangsarbeiter_innen in Leipzig. Circa 900 Zwangsarbeiter_innen wurden beschäftigt. Unter anderem wurde zur Unterbringung das Gasthaus „Winters Garten“ verwendet, in dem 80 Menschen untergebracht wurden. Ausführlich beschreiben die Autor_innen die hygienischen Zustände, die Arbeitsbedingungen, die skrupellose Ausbeutung im Unternehmen – und den mit der Zwangsarbeit durch Eberspächer erzielten Gewinn.

Zur Aufarbeitung der Firma Eberspächer findet man im Netz wenig. In der online verfügbaren Firmenhistorie stellt sich das Unternehmen als Opfer dar: „Während des Zweiten Weltkriegs muss Eberspächer wie so viele andere Unternehmen Rüstungsgüter produzieren, der Firma werden dafür auch Zwangsarbeiter zugewiesen.“ Die enorm gestiegenen Gewinne und das Wachstum daraus werden verschwiegen.

Neben Eberspächer werden noch die Firmen Schirmer, Richter & Co; G.E. Reinhardt und Hugo Junkers in Connewitz beschrieben für Lindenau die Firmen Flüger & Polter sowie Müller & Montag und die Rudolf Sack KG. Ein eigenes Kapitel widmet sich in diesem Zusammenhang der Arisierung des Kaufhauses Held und der Zwangsarbeit, zu der Leipziger Jüdinnen und Juden gezwungen wurden.

Den Autor_innen ist es gelungen, eine dichte Erzählung der Zwangsarbeit für zwei Leipziger Stadtteile zu schreiben. Hier werden einige Beispiele anschaulich vorgestellt und es werden auch aktuelle Bezüge – Unternehmensgewinne – nicht ausgespart. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung: NS-Zwangsarbeit in Leipzig und ihre alltägliche Sichtbarkeit wird klar thematisiert. Die ‚deutsche Amnesie‘ in dem Sinne, ‚man habe ja von nichts gewusst‘ bzw. ‚man‘ sei ja kollektiv Opfer wird auch hier widerlegt – die dominierende deutsche Bevölkerung wusste von der Zwangsarbeit und profitierte davon. Es werden sich hoffentlich weitere Arbeiten anschließen, die sich zu einem komplexen Gesamtbild für Leipzig verdichten.

Schäfer, Florian/Mangold, Paula: Vergessene Geschichte NS Zwangsarbeit in Leipzig, Leipzig 2014

Im März 2010 forderte der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit die Bundesregierung auf, sich bis zum Ende der Legislaturperiode für den endgültigen Abzug der ca. 20 in Deutschland befindlichen Atomsprengköpfe einzusetzen. FDP- Außenminister Westerwelle äußerte sich im Sinne der Koalitionsvereinbarungen von 2009: „Diese Relikte des Kalten Krieges haben keinen militärischen Sinn mehr.“ Die Legislaturperiode endete im September 2013, passiert war nichts. Im Gegenteil, derzeit existieren Pläne über eine Modernisierung der in Deutschland stationierten Atombomben.

Um auf die nach wie vor existente atomare Bedrohung der Menschheit hinzuweisen, findet in diesem Jahr im Rahmen der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ bereits zum 10. Mal der Pacemakers Radmarathon statt. Diesmal am 2. August 2014 über 342 Kilometer von Bretten über Heidelberg, Mannheim, Kaiserslautern, die US Air Base Ramstein und Neustadt an der Weinstraße zurück nach Bretten. Über 150 Freizeit- Radsportler stellen sich für die Idee einer atomwaffenfreien Welt den Strapazen der Strecke.

Zur Unterstützung des Radmarathons und zum Transport der Botschaft nehmen vom 17. bis 19. Juli fünfzig Radsportler und Begleiter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25-30 km/h die 666 Kilometer von Stuttgart nach Berlin unter die Räder und konfrontieren in diesem Jahr erstmalig die Politiker der Bundeshauptstadt mit ihren Forderungen nach Abschaffung aller Atomwaffen.

Am 18.Juli werden die Teilnehmer ab 17 Uhr am Etappenort Leipzig auf dem Nikolaikirchhof begrüßt. Mit ihrem Eintreffen wird gegen 17.30 Uhr gerechnet. Bereits unterwegs werden die Pedalritter von der Radsportgruppe des Roten Stern Leipzig 99 e.V. in Empfang genommen, die auf den letzten und schwersten Kilometern moralische Unterstützung gibt. Am Nikolaikirchhof erwarten die Radfahrer kohlenhydratreiche Verpflegung und hoffentlich viele Leipziger. Wir laden herzlich dazu ein.

Am Morgen des 19.Juli werden die Radler in Vertretung des Mayors for Peace Burckhard Jung von einem Mitglied der Stadtverwaltung vom Hotel aus auf die letzte Etappe nach Berlin geschickt.

Quelle: www.friedensweg.de

Die Toten aller Kriege mahnen- stoppt den aktuellen Kriegskurs!

Der „Krieg gegen den Terror“  ist in Afghanistan und weltweit gescheitert. Trotz der erneuten Niederlage militärischen Denkens fordern Bundespräsident Gauck und Kriegsministerin von der Leyen im Namen ihrer ungenannten Auftraggeber fast  täglich „stärkeres  militärisches Engagement“ und neue Auslandseinsätze. Jetzt sogar im Baltikum, wo Wehrmacht und SS schlimmste Kriegsverbrechen begangen haben. Im Konflikt um die Krim und in der Ukraine wird mit dem Säbel gerasselt, längst überwunden geglaubte Feindbilder aus den Zeiten des Kalten Krieges und die Seuche des Nationalismus feiern ihre Wiederauferstehung.

Während sich der Beginn des 1. Weltkrieges zum 100. Mal und der des Zweiten zum 75. Mal jährt, scheint die Lehre der Geschichte „Nie wieder Krieg!“ vergessen, sollen die Völker der Welt erneut für den Profit Weniger, für strategische und politische Interessen oder aus nationalem Größenwahn in immer neue Kriege ziehen.

Im Herbst wird in Leipzig und der Republik mit großem Brimborium der Ereignisse des Herbstes 89 gedacht. Sicher kein Wort dazu, dass vor 25 Jahren die welthistorische Chance für ein militärfreies Europa, für eine friedliche Welt von den Verantwortlichen vertan wurde. Die NATO wurde nicht aufgelöst, die Ausgaben für Waffen und Rüstung verhindern zivile Alternativen und gesellschaftliche Entwicklung, die versprochene Friedensdividende blieb aus. Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt Auslandseinsätze ab, Regierung und Teile der Opposition stimmen zu.

Im  Rahmen der bundesweiten Ostermärsche findet die Leipziger Veranstaltung am Sonnabend, dem 19.04.2014, auf dem Nikolaikirchhof statt. Ab 10:30 Uhr präsentieren friedenspolitische und globalisierungskritische Gruppen und Vereine ihre Arbeit. Parallel zu den Redebeiträgen zu Waffenhandel und Rüstungsexport, Ukraine und Krim, 100 Jahre 1. Weltkrieg, Schulfrei für die Bundeswehr und Krieg als Fluchtursache wird ab 11:00 Uhr ein Schwert zu einer Sichel geschmiedet. Diese wird am 01. September als 7. Leipziger Friedenspreis vergeben. Ab 12:00 Uhr führt ein Osterspaziergang durch die Leipziger Innenstadt zu den Kriegsverantwortlichen aus Politik und Wirtschaft.  Bei der Abschlusskundgebung ab 13 Uhr vor der Leipziger Peterskirche gedenken wir der Toten der Kriege und betrachten den Umgang mit den Lehren der Geschichte.

Bekennt euch zum Frieden- kommt zu den Ostermärschen!

gerne übernommen von Heinz-Jürgen Voß, zuerst veröffentlicht in Rosige Zeiten (Heft 150, S.28/29)

Schon vor den Weltkriegen wurde in deutschen Medien ein Bild Russlands als ‚aggressiv‘, ‚barbarisch‘, ‚unzivilisiert‘ und ‚unerschlossen‘ gezeichnet. In entsprechende Beschreibungen und Karikaturen waren ebenso antisemitische Stereotype und seit der Oktoberrevolution auch ‚Warnungen vor den Bolschewisten‘ eingeflochten. Das nationalistische und völkische Deutschland wollte seine Vormachtstellung in Europa und in der Welt behaupten. Vor diesem Hintergrund, der mit den Weltkriegen folgenden Geschichte, dem Rassenwahn, der Ermordung von Millionen von Menschen durch die Deutschen, erstaunt es schon sehr, wenn man heute in Texten und Abbildungen wieder auf das Bild Russlands als eines zu zivilisierenden Nachbarn stößt.

Damals wie heute beteiligen sich an diesen Zuschreibungen auch Männer, die auf Männer stehen. In den 1920er Jahren etwa bediente Adolf Brand in der schwulen Zeitschrift Der Eigene unverhohlen nationalistische Klischees und wandte sich gegen die ‚Weimarer Toleranz‘. Lieber als das von Magnus Hirschfeld gezeichnete Bild geschlechtlicher Zwischenstufen war ihm der ‚kernige‘, ‚arische‘ Mann. Heute sind es ebenso vielfach deutsche Schwule, die die plumpesten und dümmsten Vorurteile über Russland schüren – und dabei ebenso insbesondere deutsche Interessen verfolgen.

Denn würde es in den aktuellen Auseinandersetzungen um die Interessen russischer Schwuler und Lesben gehen, dann müssten einige Grundfesten gesetzt sein: Es wäre dann klar, dass sie den Ton und die Richtung des Streitens angeben müssten. Gesetze in Russland gegen Lesben und Schwule und dortige rechtsradikale Übergriffe treffen schließlich sie. Sie sind in Gefahr, während Vertreter des deutschen schwulen Establishments, die am Berliner Potsdamer Platz medienwirksam Fackeln anzünden, keinerlei Gefahr ausgesetzt sind, sondern nach der Aktion sich zu Hause auf ihr Sofa setzen. Letztere beteiligen sich mit solch plakativen Aktionen nur an der deutschen Großerzählung, dass Deutschland emanzipatorisch geworden sei und lenken ab von den rechtsradikalen Übergriffen in Deutschland und auch von den rassistischen und transphoben Übergriffen in der schwulen Szene selbst. Bei der „No Compact!“-Konferenz in Leipzig drückte es ein Vertreter russischer lesbisch-schwuler Selbstorganisationen deutlich aus: „Das Beste was ihr tun könnt, macht eure eigenen Hausaufgaben.“

Also: Russische Lesben und Schwule müssen die Richtung des Streitens angeben. Eine Unterstützung aus Deutschland muss sich davor hüten, dominant zu werden. Gleichzeitig gilt es, die postkolonialen Kritiken unter anderem von Gayatri Chakravorty Spivak zu verstehen: Sie macht an verschiedenen Beispielen deutlich, wie durch westliches Einmischen und westliche Zuschreibungen die Menschen, die eigentlich von bestimmten Restriktionen und Gewalt betroffen sind, zum Schweigen gebracht werden. Gerade durch das westliche Selbstverständnis eigener ‚Zivilisiertheit‘ und die entsprechenden Interventionen mit erhobenem Zeigefinger (wenn nicht gleich mit Panzern), und auch vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Kriegen, bestärken diese Interventionen konservative Sichtweisen. In Russland wird die Berechtigung von Spivaks kritischer Sicht deutlich: Präsident Wladimir Putin setzte das Gesetz gegen die öffentliche Werbung für Homosexualität insbesondere mit solcher Argumentation durch, dass man sich vom Westen nichts vorschreiben lassen wolle und es gar nicht um die Interessen von Russ_innen gehe, sondern um solche – wie er sich ausdrückte – ‚westlicher Agenten‘. Hier sucht und findet er den Schulterschluss mit konservativen und nationalistischen Kräften in Russland.

In diesem Sinne trägt die Thematisierung und Instrumentalisierung von Homosexualität in Russland aber einen ähnlichen Charakter, wie man es auch andernorts feststellen kann. Es wird von inneren ökonomischen Schwierigkeiten (viele Menschen sind arm) abgelenkt und eine nationale Idee propagiert. Es ist interessant, wie die Thematisierung von Homosexualität auffällig oft parallel zu weitreichenden politischen Entscheidungen in Ländern geschieht. So wurde in Frankreich im vergangenen Jahr der Kriegseinsatz in Mali durchgesetzt, was aber in der öffentlichen Wahrnehmung unterging, weil alle sich über die Öffnung der Ehe und das Adoptionsrecht für Homosexuelle stritten. In Deutschland war es Ende der 1990er / Anfang der 2000er Jahre ebenso: Während intensiv über das neue Sondergesetz für Lesben und Schwule, die ‚Homo-Ehe‘, diskutiert wurde, konnte die Neubestimmung Deutschlands als militärische Weltmacht – unter anderem mit dem Krieg gegen Afghanistan – durchgesetzt werden.

Warum lassen sich Schwule so für nationale deutsche Interessen instrumentalisieren, wo es doch seit den Anfängen der so genannten Schwulenbewegung darum ging, sich gegen Herrschaft und Unterdrückung, gegen den repressiven deutschen Staat aufzulehnen? Ein Umdenken ist erforderlich. Konkret bedeutet dies für die Unterstützung russischer Lesben und Schwuler:

- Russische Lesben und Schwule müssen die Richtung und die Aktionsformen angeben; Deutsche müssen stets die eigene Position reflektieren und im Blick haben, wann eine Unterstützung umschlägt und nur noch der eigenen Selbsterhöhung dient.

- Medienbeiträge in Deutschland helfen erst einmal russischen Lesben und Schwulen nicht – sie dienen eben im Wesentlichen einer Selbsterhöhung der Deutschen (‚ach, wir sind ja so emanzipatorisch…‘). Wenn berichtet werden soll, ist stets der postkoloniale Hintergrund zu beleuchten und sollten Interviews (offen, nicht gerichtet) mit Russ_innen erfolgen

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