In trauter Gemeinschaft: Alice Schwarzers „EMMA“ und das Kollektiv des „Beißreflexe“-Bandes. Eine glossierte Betrachtung.

Wer das Buch “Beißreflexe” mag, kann sich freuen, wenn er die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “EMMA” in der Hand hält. Vom Editorial bis zum Schluss des Heftes prägen Autor_innen des „Beißreflexe“-Bandes die aktuelle Ausgabe der von Alice Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift. Den Redaktionen anderer Zeitschriften, wie der Zeitschrift „Konkret“ und der „jungle world“ wird das zu denken geben, da ihnen der Rassismus der Zeitschrift „EMMA“ und von Alice Schwarzer zu weit ging und sie sich in der Vergangenheit verschiedentlich gegen ihn gewandt hatten.

Diese Distanz zeigen die Herausgeberin und einige Autor_innen des „Beißreflexe“-Buches nicht. Vielmehr scheinen sie bewusst auf eine Koalition mit all jenen zu setzen, die sich gegen den Islam per se und gegen Muslim_innen im Speziellen wenden.

Eröffnet wird die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „EMMA“ mit dem Editorial Alice Schwarzers, in dem sie davon berichtet, wie ein Vortrag von ihr in Würzburg durch (Queer-)Feminist_innen problematisiert und Alice Schwarzer kritische Fragen gestellt wurden. Mit diesen Fragen setzt sich Schwarzer nun im „EMMA“-Heft auseinander – bzw. sie weist sie zurück und schreibt, dass sie etwas ganz anderes gesagt habe. Schwarzer berichtigt, dass sie in ihrem Vortrag nur „Islamismus“ habe anprangern wollen und nicht den gesamten Islam meine; das tut sie im EMMA-Beitrag allerdings so, dass quasi alle Länder mit islamischer Bevölkerungsmehrheit als „islamistisch“ erscheinen müssen. Ob strategische Absicht oder sprachliche Unbedarftheit – dieses Vorgehen entspricht dem Stil, den Alice Schwarzer schon länger wählt und u. a. dafür von Seiten der Zeitschrift „Konkret“ in der Kritik steht. Mit einer historischen Auseinandersetzung leitet sie zu den weiteren Inhalten des Hefts über, indem sie feststellt: „Und die Schlagworte heute lauten nicht mehr ‚Internationale‘ und ‚Klassenkampf‘, sondern ‚Intersektionalismus‘ und ‚Antirassismus‘“ (S. 7). Klar, dass Alice Schwarzer es als Problem ansieht, Herrschaftsverhältnisse in ihrem komplexen Zusammenwirken zu analysieren und praktische Ableitungen zu treffen.

Den Schwerpunkt des EMMA-Heftes bildet das „Beißreflexe“-Dossier „Denkverbote an den Unis“. Das Dossier eröffnend kreischen eine_n auf S. 62 und 63 Großbuchstaben in Schriftgröße 48 (oder größer) in roter Farbe an, die all die Begriffe skandalisieren sollen, die in den Gender Studies derzeit diskutiert und kritisiert werden, allen voran u. a. „INTERSEKTIONALITÄT“ bis hin zu „RASSISTISCH, HOMOPHOB, TRANSPHOB“. Damit ist die Einführung in das Dossier geschafft und sie ist auch gleich ausreichend aggressiv, so dass die Leser_in in der nötigen empörten Stimmung sein muss. Es folgt der Beitrag „Beißreflexe: Gewalt als Antwort auf Kritik“, geschrieben von Hannah Wettig. In ihm wird, wie zuvor schon in Interviews der Herausgeberin des „Beißreflexe“-Buches, Patsy l’Amour laLove, in der Zeitschrift „Neues Deutschland“, in der „jungle world“, der „Konkret“ und im „Tagesspiegel“ geschehen, der Eindruck erweckt, dass laLove bei Veranstaltungen bereits angegriffen worden sei, was nicht stimmt. Mit Blick auf die aktuelle feministische und queerfeministische Szene wird Koschka Linkerhand, die in der EMMA auch einen eigenen Beitrag hat, in diesem Beitrag schon damit zitiert: „Es ist ein Kollektiv, das durch Angst zusammengehalten wird“ (S. 64). Patsy l’Amour laLove gibt im Interview mit der EMMA an: „Wo ich referiere, kommen Leute auf mich zu, bedanken sich und schildern eigene Erlebnisse.“ (ebd.) Eine Mitarbeiterin der feministischen Bibliothek in Leipzig, die nicht namentlich benannt wird, berichtet bezogen auf ein Seminar an der HU-Berlin, dass sie von der Tutorin „niedergebrüllt“ (S. 65) worden sei, nachdem sich die Bibliotheksmitarbeiter_in dafür eingesetzt habe, das N-Wort in kritischer Analyse zu verwenden. Die Sicht der Tutorin fehlt im Beitrag – aber so ist immerhin das Bedrohungsszenario komplett und ist der Eindruck hergestellt, dass gerade in der hiesigen Medien- und Uni-Welt „Sprechverbote“ herrschen würden – „Sprechverbote“, wie sie zuerst Thilo Sarrazin in seinen Interviews mit nahezu allen großen Medien sowie in seinen in Millionen-Auflage erschienem Buch „Deutschland schafft sich ab“ angeprangert hatte. Und auch Patsy l’Amour laLove, die gerade ihren Masterabschluss im ach so geschmähten Fach Gender-Studies gemacht hat und nun vermutlich daran sitzt, ihre Doktorarbeit zu schreiben, fühlt sich mit Interviews in den aufgezählten Medien im deutschen Medien-Diskurs noch deutlich unterrepräsentiert. Um auf die Frage „Klassenkampf“ zu kommen: Wer von denjenigen, die gerade ihren Abschluss als Bäcker_in oder Mechatroniker_in machen, bekommt soviel Aufmerksamkeit schon gleich nach Ende der Ausbildung? Liegt hier vielleicht auch etwas (bürgerliche) Selbstüberschätzung vor, gleich mit einem Uni-Abschluss etwas Besonderes zu sein? Und so schließt dieser EMMA-Beitrag mit dem Interview-Zitat von Patsy l’Amour laLove zur eigenen wichtigen Bedeutung: „Nach meinen Vorträgen sagen mir viele, dass sie durch das Buch erst wieder motiviert wurden, sich politisch zu engagieren.“ Wenn es nach laLove gehen würde, dann offenbar in eine Richtung, wie sie durch die EMMA repräsentiert wird. Eine kleine sprachliche Genauigkeit fällt auf: Im EMMA-Heft werden die vermeintlichen „Sprechverbote“ des „Beißreflexe“-Bandes sogar in „Denkverbote“ weiterentwickelt – eine nicht unwesentliche Zuspitzung.

Nach diesem das Dossier eröffnenden Beitrag von Hannah Wettig kommen in den Schwerpunkt-Beiträgen die Autor_innen des „Beißreflexe“-Bandes zu Wort. Vojin Saša Vukadinović kritisiert Queer-Theoretiker_innen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten. Könnte man es gerade als Aufgabe einer akademischen Disziplin lesen, dass die diskriminierenden und die Herrschaftsverhältnisse komplexer gedacht werden als es populär geschieht und Geschlechterverhältnisse im Kontext mit Rassismus und Klassenverhältnissen analysiert werden, kritisiert der Autor gerade Analysebegriffe wie „Critical Whiteness“ und „Intersektionalität“ (S. 66). Und obwohl sich Alice Schwarzer gemeinsam mit ihren Kolleg_innen vom „Beißreflexe“-Band auf zahlreichen Seiten mit den vermeintlich problematischen Theorien der Gender Studies und von Queer Theory auseinandersetzen (müssen), hält Vojin Saša Vukadinović fest: „Nicht eine deutsche Professorin für Geschlechterforschung hat bis heute eine bahnbrechende These formuliert, die breite Anerkennung in der internationalen Wissenschaftslandschaft erfahren hätte. Es ist zudem keine Absolventin der jüngeren Disziplin bekannt geworden, die eine beachtliche Nachwuchskarriere hingelegt hätte.“ (S. 67) Interessant, wenn eine Person, die Geschichte und Geschlechterforschung studiert hat (S. 69) und über das Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ gefördert wurde, eine solche Aussage trifft. Interessant, dass sich ein solcher Akademiker sogleich über seine Lehrer_innen erhebt und sich namentlich gegen Christina von Braun, Gabriele Dietze, Sabine Hark, Lann Hornscheidt, Bettina Mathes sowie Paula-Irene Villa wendet. Das Buch „Anti-Genderismus“, das sich gegen aktuelle rechtsextreme Entwicklungen und Angriffe auf die Geschlechterforschung wendet, muss folgerichtig von Vojin Saša Vukadinović diskreditiert werden. Schäumt hier ggf. ein Neid über – eines Schülers gegenüber den Lehrer_innen?

Auch Koschka Linkerhand studierte die im EMMA-Heft geschmähten Gender Studies – in Berlin. Ihr Beitrag „Identitäten: Das Ende des Frauseins?“ schließt sich im EMMA-Heft an. Sie schreibt: „Der Queerfeminismus hat sich nun auf die Fahnen geschrieben, dieser Vielfalt im Feminismus gerecht zu werden. […] Dabei fällt auf, dass nicht nur Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Hautfarbe als diskriminierende Identitäten verstanden werden, sondern auch erotische Vorlieben wie Sadomasochismus oder Liebesbeziehungen mit mehreren PartnerInnen, Essgewohnheiten wie der Veganismus oder Religionen wie besonders der Islam. Alle diese Merkmale, fordert der Queerfeminismus, sollen als Identitäten anerkannt und respektiert werden.“ (S. 70) Wer sich bereits einmal kurz mit Queer Theory befasst hat – bei einer Person, die Gender Studies studiert hat, sollte das vorausgesetzt werden – ist klar, dass es „Queer“ weder im Aktivismus, noch in der Theorie jemals darum ging, „Identitäten“ zu definieren und festzuschreiben. Vielmehr wandte sich „Queer“ als Aktivismus seit den ausgehenden 1980er Jahren gegen diskriminierende Verhältnisse, die in der zeitgenössischen schwul-lesbischen Community aufgekommen waren. Theorie und Aktivismus wandten sich (und wenden sich noch immer) gegen das Festzurren von „Identitäten“ und gegen Vorstellungen, dass Menschen in einzelne Identitäten aufgespalten werden könnten. Letzteres passiert in der Theorie mit Analysen, verbunden mit dem Stichwort „Intersektionalität“. Schon gar nicht kämen Queer-Theoretiker_innen auf die Idee, Hautfarbe als einfach „sichtbar“ festzulegen und zu einer „Identität“ zu erklären. Zur Erläuterung an Koschka Linkerhand: Schon die in den Gender- und Postcolonial-Studies verwendeten Begriffe „Schwarz“ und „weiß“ verweisen nicht auf Hautfarbe, sondern auf eine marginalisierte Position (Schwarz) und eine majorisierte Position (weiß). Sie verweisen damit schon gar nicht auf vermeintlich essentialisierbare Merkmale. Für Einführungen in die hier verhandelten Thematiken seien das Buch von Annemarie Jagose „Queer Theory – eine Einführung“ und der Beitrag von Claudia de Costa, Salih Wolter und Koray Yılmaz-Günay „Intersektionalität in der Bildungsarbeit“  empfohlen. Bei soviel Unklarheit in Bezug auf Begriffe und theoretische Konzepte ist es nicht verwunderlich, dass Linkerhand gerade Identitäts-Festschreibungen bei Queer und Intersektionalität kritisiert. Wie Linkerhand auf die Idee kommt, bei solcher Unkenntnis des Themas, einen Beitrag dazu zu schreiben, ist mir nicht nachvollziehbar; wie es möglich ist, für solche ausgestellte Unkenntnis einen wissenschaftlichen Abschluss in Gender Studies zu erhalten, ist unbegreiflich. Immerhin ist durch den identitären Veganismus-Verweis die Grundlage für die weiteren Themen des EMMA-Heftes gelegt – so folgen nach dem Dossier immerhin fünf Beiträge zum Thema: „Pflanzen sprechen“. 😊 (Keine Pointe!)

Doch vor den sprechenden Pflanzen kommen noch Beiträge von Jakob Hayner und Tjark Kunstreich, beide ebenfalls Autoren des „Beißreflexe“-Buches. Jakob Hayner setzt sich dabei insbesondere mit dem Berliner Universitäts-Kontext und dem Umgang mit Themen in Seminaren auseinander. Hier würde zu oft Kritik von Seiten der Studierenden geübt und es abgelehnt, sich etwa mit Autoren wie Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu beschäftigen, weil der damals zeitgenössisch manifeste Rassismus heute als problematisch eingeordnet würde. Doch statt sich einfach für die Auseinandersetzung mit den klassischen Autoren auf der Basis des heutigen wissenschaftlichen Instrumentariums einzusetzen, weist auch Hayner sprachliche Sensibilität zurück, wie sie etwa von Lann Hornscheidt eingefordert wird. Hornscheidt bildet mit ihren_seinen in Bezug auf Herrschaftsverhältnisse sensiblen Schriften so eine stete „negative Hintergrundfolie“ durch das gesamte EMMA-Dossier. Dass in sprachlicher Sensibilität viel innovatives Potenzial liegt, um gerade Herrschaftsverhältnisse zu thematisieren, wird in den Bänden des von Lann Hornscheidt und weiteren Engagierten gegründeten Verlag „w_orten & meer“ deutlich.

Den Abschluss des Dossiers bildet der Beitrag von Tjark Kunstreich, der deutlicher als die Beiträge zuvor, den Anschluss an den antimuslimischen Rassismus der EMMA liefert. Er setzt sich mit dem Attentat auf den Club Pulse in Orlando auseinander, um ein einfaches Bild zu zeichnen: Auf der einen Seite seien Schwule – sie seien von dem Attentat betroffen; auf der anderen Seite finden findet sich der muslimische Attentäter. Dass es sich bei den Opfern der Mordtat um Leute of Color handelte und dass es sich bei dem Attentäter ganz offenbar um einen schwulen Mann handelte, ist für Kunstreich (und für die thematische Befassung insgesamt in der EMMA) bereits zu komplex. Kunstreich leitet aus der Auseinandersetzung das Bild eines „Wir“ ab, dass sich gegen „den Islam“ wenden müsse. Sich auch mit Antisemitismus und Rassismus in diesem „Wir“ auseinanderzusetzen, ordnet er als „kulturalisierend“ ein. Leute, die etwa nach Deutschland flüchten, hätten sich an die Deutschen der Dominanzkultur anzupassen. Er fordert einen „universellen Maßstab“ (S. 78), angelehnt an westliche Traditionen, um anzuerkennen, „was richtig und was falsch ist“ (ebd.). Kunstreich wendet sich in diesem Diskussionszusammenhang etwa gegen muslimische Feministinnen, die darauf bestehen, ein Kopftuch zu tragen. Antimuslimischer Rassismus sei aus seiner Sicht in Deutschland nicht hegemonial.

Ist das Dossier damit zu einem Ende gelangt und stammen tatsächlich alle Beiträge, mit Ausnahme des eröffnenden Beitrags Hannah Wettigs, von Autor_innen des „Beißreflexe“-Bandes, so kommt abschließend in den „Briefen“ ein weiterer „Beißreflexe“-Autor zu Wort. Till Randolf Amelung, der in Göttingen Geschlechterforschung und Geschichte studierte, betont dort noch einmal, wie schwierig es ist, sich in den Gender Studies der komplexen Reflexion von Herrschaftsverhältnissen zu entziehen und sich etwa gegen Antirassismus auszusprechen. Er schreibt: „Denn wenn man nicht mit dem speziellen intersektionalen, antirassistischen Queerstream mitschwimmt, dann kann man durchaus Zielscheibe von ekelhaftem Mobbing werden. Und die meisten wollen ja ihr Studium irgendwie friedlich abschließen.“ (S. 110) Dass man sich so deutlich gegen Intersektionalität und gegen Antirassismus aussprechen kann und zugleich „Queer“ im Sinne eines Mainstreams beschreibt, ist interessant. Auch ist das Begehren interessant, sich deutlich gegen Antirassismus zu positionieren.

So zeigt das EMMA-Beißreflexe-Heft eines besonders: Privilegierte, die an Universitäten studieren, holen dazu aus, wieder die Deutungshoheit zu erlangen, die in den letzten Jahren ganz leicht von Aktivist_innen, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus wandten, in Frage gestellt worden war. Gleichzeitig macht der Blick auf die Beiträge deutlich, (a) wie offen die Gender Studies sind, so haben offenbar keine vermeintlichen „Sprechverbote“ dafür gesorgt, dass Studierende – mit zum Teil abstrusen und teils deutlich rechten Konzepten – ihren Abschluss machen konnten; und (b) wie sehr auch dort Studierende in ihren eigenen Denkblasen gefangen bleiben und die bisherigen Bildungskonzepte offenbar nicht ausreichen, um tatsächlich eine komplexe Reflexion von Herrschaftsverhältnissen anzustoßen. Egal zu welchem Schluss am Ende Studierende gelangen, ein klarer und richtiger Überblick über Begriffe und theoretische Konzepte wäre zumindest zu erwarten.

 

Dem Beitrag zu Grunde liegende Texte:

(1) EMMA, Ausgabe Juli/August 2017.

(2) Beißreflexe, hg. von Patsy l’Amour laLove, erschienen im Querverlag.

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