Ein Stein des Anstoßes: Hannover braucht ein zentrales Deserteursdenkmal zur öffentlichen Auseinandersetzung

erschienen in Friedensforum - Zeitschrift der Friedensbewegung 02/2013

Hannover hat (noch) ein Deserteursdenkmal. Während in anderen Städten über die Aufstellung neuer Orte der Erinnerung und Auseinandersetzung mit Desertion öffentlich gestritten und gerungen wird, werden in Hannover, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, gegenteilige Fakten geschaffen. Es droht die politische Auseinandersetzung mit Desertion aus dem Stadtbild zu verschwinden.

Das 1990 errichtete und aktuell vor dem Rathaus an den unbekannten Deserteur erinnernde Denkmal wurde mehr oder minder spontan im Rahmen einer Kriegsdienstverweigererinitiative erstellt und der Stadt als Schenkung übergeben. Es sollte noch bis 1995 dauern, bis die Stadt in einem Ratsbeschluss diese Schenkung annahm. Seitdem liegt das Denkmal, abgesehen von verschiedenen Gedenkfeiern, weitgehend unbeachtet am Rand des Trammplatzes. Es verfällt zunehmend und ist nach nunmehr 20 Jahren, auch aufgrund der verwendeten Baumaterialien, kaum noch als solches zu erkennen. 2009 fand sich im Umfeld des Friedensbüros Hannover e.V. und der DFG-VK daher eine Initiative für ein Deserteursdenkmal zusammen und stellte die Forderung nach einer künstlerischen Ausschreibung und einer konzeptionellen Neugestaltung des Denkmals auf. Begründet wird dies auch, mit der besonders exponierten militärischen Rolle Hannovers im Dritten Reich. In der Stadt, einem der fünf größten Rüstungsproduzenten des Dritten Reiches, wurden gehorsamsverweigernde Soldaten im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis am Waterlooplatz verurteilt, auf dem Schießplatz in Vahrenwald hingerichtet und auf dem Soldaten- und Garnisionsfriedhof Fössefeld begraben.

Auch aufgrund der inhaltlichen und öffentlichen Arbeit der Initiative – so entstand ein Buch zum Thema – reagierte der städtische Kulturausschuss und beschloss mit rot/grüner Mehrheit, unterstützt von der LINKEN eine Ausschreibung für ein Denkmal für den unbekannten Deserteur in Hannover: „Die Verwaltung wird beauftragt, die Neugestaltung eines Denkmals für den unbekannten Deserteur in das Rahmenkonzept zur Gedenk- und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover aufzunehmen. Die Auslobung eines entsprechenden Wettbewerbes ist vorzusehen.“ Das war im Januar 2012.

Die Stadtverwaltung unter der Kulturdezernentin Drevermann interpretierte den Beschluss allerdings sehr eigen. Sie legte im September 2012 dem Kulturausschuss ein Konzept vor, wie dem „Thema Deserteur in angemessener Weise entsprochen werden [kann]“ (Zitat Ausschussvorlage). Dieses Konzept sieht vor, eine Statue des kürzlich verstorbenen Hannoveraner Künstlers Hans-Jürgen Breuste aufzukaufen, diese in Zusammenarbeit mit seiner Witwe Almut Breuste umzuwidmen – es wurde nicht als Deserteursdenkmal geschaffen – und abseits der städtischen Öffentlichkeit auf dem Fössefeldfriedhof in Hannover-Linden aufzustellen. Dieses Kunstwerk, bestehend aus übereinander gestülpten überdimensionalen Trichtern solle die Aufschrift „Ungehorsam 1939-1945“ erhalten. Die Entscheidung über dieses Werk traf eine stadtinterne Künstler_innenkomission. Im Gegenzug zur Umsetzung dieses Konzeptes soll das alte, zentral am Rathaus gelegene, Denkmal entfernt werden.

Bis zum heutigen Tag ist die Initiative für ein Deserteursdenkmal, trotz öffentlicher Kampagne, Buchveröffentlichung und mehrerer Gesprächsangebote, in keiner Form in die Entscheidungsfindung eingebunden worden. Allenfalls darf sie als „Sachverständige“ an einer zu erstellenden Informationstafel mitwirken. Eine öffentliche Debatte um das Denkmal und seine Konzeption fand und findet nicht statt.

Der Kulturausschuss hat die Vorlage der Dezernentin als Arbeitsgrundlage gebilligt, eine abschließende Abstimmung dazu steht jedoch noch aus. Mit dieser Entscheidung schlägt die Verwaltung gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Der Ankauf eines Werkes Breustes, die unabhängig von dem Deserteursdenkmal ohnehin vorgesehen war,  und die kostengünstige Abwicklung (!) des Deserteursthemas. Hinzu kommt , dass sie sich so nicht mit einer zusätzlich zu einem Denkmal notwendigen  individuellen Gestaltung eines Trauerortes auf dem Fössefeldfriedhof auseinandersetzen muss.

Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen den Beschluss des Kulturausschusses vom Januar 2012 konterkariert, bringt es auch schwere inhaltliche Mängel mit sich. Das nun vorgesehene Denkmal bedeutet,  nicht zuletzt mit der beschränkenden Widmung auf die NS-Zeit, einen inhaltlichen Rückschritt im Vergleich zum derzeitigen Denkmal. Es droht nun ein Denkmal zu entstehen, dass allein dem Akt des Trauerns dient und keine städtische politische Auseinandersetzung mit dem Akt des Verweigerns anregt.  Erschwerend kommt der abgelegene Ort hinzu.  Bundesweit befindet sich kein einziges Deserteursdenkmal auf einem Friedhof.

Mit ihrer Entscheidung – so sie denn nicht revidiert wird –, wird das  Thema Desertion aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Die Opfer der NS-Militärjustiz werden so ein zweites Mal still und leise begraben.

Zu diesem Thema erschienen: „…und wenn sie mich an die Wand stellen“ – Desertion, Wehrkraftzersetzung und „Kriegsverrat“ von Soldaten in und aus Hannover 1933-1945, Neustadt 2011.

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