Bundeswehr und Werbung – auch 2014/15 wieder voll dabei

Bereits in den vergangenen Jahren bewegte sich die Werbung der Bundeswehr im Sport auf hohem Niveau. Das ergaben frühere Anfragen der Linksfraktion. Auf diesem Blog habe ich dazu bereits mehrfach berichtet, insbesondere über die besondere Rolle bei Hannover 96 und dem Rostocker FC. Ziel der Werbung der Bundeswehr sei es, primär 17-35 Jährige sowie sekundär alle bis 65 als Multiplikator_innen anzusprechen, so geht es zumindest aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion vom August 2015 (Bundestags-Drucksache 18/5942) hervor.

An Minderjährige würde sich die Werbung nicht gezielt richten. Dazu gleich mehr. Inhaltlich wird aus der Drucksache deutlich, worum es ihm geht, nämlich darum, die Schnittmengen zwischen Sport und Kriegshandwerk für die eigenen Zwecke zu nutzen. So heißt es: „Kommunikationsinhalte bei Maßnahmen im sportlichen Umfeld sind Fähigkeiten und Eigenschaften, die sowohl im Sport als auch bei einer Tätigkeit in der Bundeswehr als Voraussetzung gelten: Teamgeist, Kameradschaft, Leistungsbereitschaft, körperliche Fitness, hohe Motivation und Flexibilität“. Selbstredend sind andere Tugenden des Sports, wie Fairplay und die Friedlichkeit des Wettstreits und gegenseitige Achtung nicht Bestandteil der Aufzählung. Offen wird die Vereinnahmung der Begeisterung insbesondere junger, aber auch älterer Menschen für Mannschaftssport (insbesondere Fußball, aber auch Handball, Basketball und Volleyball) als wichtiger Ankerpunkt benannt, an dem das Militär ansetzen will. Die Bundeswehr schätzt den Erfolg ihrer Maßnahmen als hoch ein, spricht insbesondere von einer hohen positiven Resonanz, kündigt jedoch gleichzeitig eine Neukonzeption der Sportkooperation an, sicher auch um der in den letzten Jahren vermehrt vorgetragenen Kritik der lokalen Günstlingswirtschaft entgegenzutreten (so beim Rostocker FC).

Der eigentlich spannende Teil der jährlichen Analyse der Werbung der Bundeswehr im Sport muss leider weitgehend ausfallen – und das ist ein politischer Skandal. Das Bundesministerium für Verteidigung sieht es inzwischen als gefährlich an, wenn Informationen über die Höhe der verwendeten Mittel ruchbar würden. Im Gegensatz zu den letzten Jahren hat sie die Informationen über ihre Sportförderung als „Vertraulich – Nur für den Dienstgebrauch“ eingestuft, um so Transparenz über ihre Werbeaktivitäten zu verhindern.

Einige wenige Zahlen gibt es dann doch: Für das bundeswehreigene Jugendsportevent „BW-Olympix“ im Jahr 2014 wurden 490.000 EUR ausgegeben. Daran teilgenommen haben ca. 800 Personen zwischen 16 und 17 Jahren. 2015 fand „Bw-Beachen“ in Ingolstadt und Warendorf statt. Kosten 545.000 EUR, erreichte Zielgruppe: 1.000 Jugendliche von 16-17 Jahren. Da kommen wir wieder zurück auf die eingangs gemachte Aussage zur Zielgruppe der Bundeswehrwerbung: Sie scheint sich entgegen der in der Drucksache dargestellten Sicht sehr deutlich im Bereich der Heranwachsenden zu bewegen. Um nicht die völkerrechtlichen Normen bzw. Empfehlungen zur Rekrutierung Minderjähriger zu verletzen, bezeichnet die Bundeswehr diese Veranstaltungen nicht als Rekrutierungsmaßnahme, sondern als „authentische persönliche Dialogplattform im Rahmenprogramm mit Soldatinnen und Soldaten“, mit dem Ziel allgemeines Interesse zu wecken.

Doch zurück zu den originären Werbemaßnahmen, also solchen unabhängig von eigenen Veranstaltungen. Sie dürfte sich mindestens auf dem Niveau des Vorjahres bewegen. Im Jahr 2014 betrug der Etat der Bundeswehr für Sportsponsoring im Fußball 349.000 Euro (TAZ v. 28.9.2014). Hinzu kommt noch die Förderung anderer Veranstaltungen und von Vereinen außerhalb des Fußballs sowie die Durchführung von bundeswehreigenen Veranstaltungen. Ebenso hinzuzurechnen sind die so genannten „Sportsoldaten“, Frauen und Männer, deren Einsatz von Seiten der Bundeswehr gerade mit Blick auf Werbewirkung und Prestige erfolgt. (Der Etat für den letzteren Bereich müsste sonst nicht über die Bundeswehr laufen, sondern es könnten die Mittel aus dem Staatshaushalt direkt in die Sportförderung gehen, ohne Umweg über das Militär.)

Die Ergebnisse dieser hohen Investition (und damit verdeckter staatlicher Förderung einzelner Vereine) sind überschaubar. Die Interessent_innen-Datenbank – darin werden Jugendliche aufgenommen, die der Nutzung ihrer Dtaen zugestimmt haben, – umfasse, laut Angaben der Bundeswehr, im Zeitraum von 2010 und 2014 zwischen 620 (2014) und 1.080 (2011) Interessent_innen jährlich. An diese Interessent_innen werden (obwohl nur einmal jährlich) insgesamt 10.000 Anschreiben erstellt.

Wer sind aber nun die Begünstigten des finanziellen Engagements der Bundeswehr? Insgesamt wurden 2014 56 Vereine durch die Bundeswehr gefördert, im ersten Halbjahr 2015 waren es 47.

Konkret für den Fußball sagen die Zahlen folgendes (wenn nicht anders angegeben bezieht sich die Förderung der Bundeswehr auf die beiden Jahre 2014 und 2015): Als Erstligist ist zum langjährigen Partner und dessen militärfreundlichen Präsidenten Martin Kind Hannover 96 ein zweiter Bundesligist gestoßen – und zwar Bremen. Seit 2014 wirbt Werder Bremen nicht nur mit unappetitlichen Hühnern aus Massentierhaltung, sondern auch mit dem deutschen Militär.

Der VfR Aalen(2014), KSC Karlsruhe(2014), Holstein Kiel, Union Berlin, der 1.FC Nürnberg(2014), Carl Zeiss Jena(2014) und der Chemnitzer FC (2014) zeigten sich ebenfalls militärfreundlich. Unterstützt wird weiterhin der gesamte Berliner Fußballverband. Aus den unterklassigen Ligen werden finanziell gefördert:

  • BV Cloppenburg
  • FV Lörrach-Brombach
  • Rostocker FC 1895 e.V.
  • FC Grün-Weiß Piesteritz (2014)
  • TSV Rudelzhausen 1948 e.V.
  • FC Donauwörth 08 e.V. (2014)
  • Sportverein Puch e.V.
  • TSV 1960 Herbertshofen (2014)
  • TSV 1863 Schwabmünchen (2014)
  • JFG Höllental (2014)
  • ASV Stockenroth
  • SV Schalding Heining
  • JFG Bayreuth West e V
  • SpVgg SV Weiden e.V.
  • VfR 1925 Schneckentohe e V
  • TSV Wolkersdorf 1956 e.V.
  • TSV 1861 Nördlingen e.V.
  • SV Union Neuruppin (2015)
  • SV Blau-Weiß Petershagen/Eggersdorf (2015)
  • VfL Halle 1896 e.V. (2015)
  • JFG Bayreuth West e.V. (2015) – nur Kinder- und Jugendmannschaften
  • WSC Frisia WHV (2015)

Kaum beachtet wurde bisher der Handball. In der angeblich stärksten Liga der Welt ist die Bundeswehr Hausherrin in der halben Liga! Vielleicht sollte angesichts der Zahlen eine Umbenennung in Bundeswehr-Liga vorgenommen werden (dieser kleine Sarkasmus sei hier gestattet). Den DKB Handball Supercup unterstützt das Militär bereits:

  • SG Flensburg-Handewitt
  • VFL Schwartau
  • HSG Varel-Friesland
  • FrischAuf! Göppingen
  • Füchse Berlin GmbH
  • SC Magdeburg (2014)
  • Wilhelmshavener HV (2014)
  • SG Suhrheide/Schiffdorferdamm (2014)
  • HSG Wilhelmshaven (2014)
  • TSV 1846 Isny e.V. (2014)
  • EHV Aue (2015)

Weitere Kooperationspartnerschaften finden sich im Volleyball, im Basketball, dem Ringen, dem Boxen und dem Motorsport

Um den Rahmen nicht zu sprengen wird an dieser Stelle auf eine Analyse der unterstützen Sportevents verzichtet. Diese sollen in einem gesonderten Artikel beleuchtet werden.

Zusammenfassend ist festzustellen: Die Auswahl der Vereine lässt auch in diesem Jahr keine klare Struktur erkennen. Ein Großteil der Zweitligisten hat – auch durch zunehmende öffentliche Problematisierung – mittlerweile keine Verträge mehr. Dazu gekommen sind hingegen verschiedenste unterklassige Vereine, andere steigen aber auch hier aus der Militärwerbung aus. Insgesamt lässt sich eine hohe Fluktuation erkennen, mit nur einigen wenigen Konstanten, die sich durch die konkrete Unterstützung vor Ort erklären lassen. Hannover 96, Union Berlin, der Rostocker FC, Holstein Kiel und FV Lörrach-Brombach sind solche Vereine. Hier lässt sich die Bundeswehr die Unterstützung der Militärfreundlichkeit einiges kosten. Das heißt im Umkehrschluss auch – Widerstand gegen die Militärwerbung muss gerade auch direkt lokal, vor Ort geschehen. In Rostock und Hannover gibt es schon entsprechenden Widerstand, der bei den Vereinschefs aber noch nicht fruchtet.

Die Bundeswehr hat ein politisches Interesse, im öffentlichen Raum als „normale Arbeitgeberin“ wahrgenommen zu werden. Die geringen Zahlen an Interessierten zeigen aber, dass ihr Konzept über Sportförderung Interessent_innen zu werben, nicht aufgeht. Der Erfolg ist überschaubar, bei hohem finanziellem Aufwand. Dennoch: Die Sportförderung durch das Militär führt dazu, dass es zunehmend das Zivile prägt und der Militarisierung der Gesellschaft Vorschub leistet. Gerade auch deshalb ist weiter die tägliche Auseinandersetzung notwendig, um der zunehmenden Militarisierung des Zivilen etwas entgegen zu setzen.

‚Embedded journalism‘ war gestern. Nun hofiert der Journalismus schon die militärischen Werbeveranstaltungen der Bundeswehr. Zur Werbeveranstaltung für die Bundeswehr auf dem Gelände der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘

Das geht nur im Osten. Dort wo vor lauter Hoffnungslosigkeit Menschen nach jeder Zukunftsperspektive greifen. Nachdem für die Kriege gegen Afghanistan und den Irak schon der Flughafen Leipzig-Halle zum militärischen Drehkreuz umgerüstet wurde – ohne größeren Protest, allein regionale und bundesweite Friedensorganisationen wie die DFG-VK stellten und stellen sich dagegen –, geht nun die regionale ‚Mitteldeutsche Zeitung‘ (MZ) einen Schritt weiter: Auf ihrem Gelände findet in Kürze der so genannte „Blaulichttag“ statt, bei dem die Bundeswehr die zentrale Rolle einnimmt. In ihre Wochenendausgabe vom 5./6. September 2015 legte die MZ eine martialische Beilage ein, die mit Panzerbildern und grinsenden Soldat_innen für das Militär wirbt. Dass die Bundeswehr junge Menschen ködert und in – quasi nicht kündbare(!) – Beschäftigungsverhältnisse ‚lockt‘, taucht in der Zeitung nicht auf. Die mittlerweile hohen Zahlen zur ‚Kriegsdienstverweigerung aus dem Dienst heraus‘ werden nicht thematisiert – bei dieser Art der Kriegsdienstverweigerung handelt es sich um ein umständliches Verfahren, mit dem junge Menschen, die sich einmal für die Bundeswehr verpflichtet haben, versuchen können, dem Militär zu entkommen. Das möchten junge Menschen z.B. oft dann, wenn sie ein Kind bekommen haben und sich daher ihre Sicht auf den Wert des Lebens geändert hat und sie sich nicht mehr vorstellen können, auf Menschen zu schießen.

Mittlerweile wurde einigem Journalismus bereits vorgeworfen, dass er sich in vergangenen Kriegen vom Militär kaufen ließ, um freundlich zu berichten. In diesem Sinne wurden die direkt in Einheiten des Militärs angesiedelten Journalist_innen kritisiert, die auf Grund der Einbindung ins Militär (‚embedded‘) keinen unabhängigen Journalismus machen, sondern nur wohlwollende und den Krieg verherrlichende Bilder liefern können. Sie zeigen etwa ‚Präzisionsangriffe‘, fliegende Raketen – hingegen tote Menschen, tote Soldat_innen und Zivilist_innen im Allgemeinen nicht.

„Wer einige dieser Retter und Helfer einmal kennenlernen möchte, hat dazu […] auf dem Gelände der Mitteldeutschen Zeitung Gelegenheit.“ – heißt es in der „Anzeigen-Sonderveröffentlichung – Blaulichttag – Mit Sicherheit Karriere!“ in der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘. Es werde „allerhand geboten“, so könne man den Kampfpanzer Leopard 2 und die Drohnen der Bundeswehr in Augenschein nehmen. Die Bundeswehr ist in der Darstellung zentral – schon die Titelseite zeigt eine Frau in Kampfmontur, auf der Folgeseite sind auf einem halbseitigen Bild zwei Frauen dargestellt, die an einem Panzerrohr über den Kopf eines Mannes hinweg fröhlich ein Ziel anvisieren. Auch die Seiten 4 bis 7 stehen dabei ganz im Zeichen der Bundeswehr und wird mit Technikdarstellungen für das Militär geworben, als ob es sich um einen ‚Abenteuerspielplatz‘ handele. Dass mittlerweile auch viele deutsche Soldat_innen aus dem Krieg in Afghanistan traumatisiert zurückkehren, andere in Särgen – und dass in Afghanistan auch deutsche Soldat_innen etwa in die Tötung von Zivilist_innen involviert waren, davon handeln die Darstellungen nicht. (Empfehlenswert ist das Buch: “Mit der Hölle hätte ich leben können: Als deutsche Soldatin im Auslandseinsatz“ von Daniela Matijevic)

Ganz unverhohlen wirbt die Bundeswehr dabei um Schüler_innen, wenn es u.a. als Bildunterschrift auf S.7 heißt „Ein Karriereberatungsoffizier erklärt bei einem Camp in Delitzsch. Dort konnten eine Woche lang Schüler ‚Leben bei der Bundeswehr‘ erleben.“ Dabei widerspricht diese Werbung bei Schüler_innen sogar der Intention der UN-Kinderrechtskonvention, die gerade vermeiden will, dass das Militär unter Minderjährigen wirbt. (Empfehlenswert ist die Kampagne „Schulfrei für die Bundeswehr“)

Was bewegt eine Zeitung, so zu handeln und eine Werbeveranstaltung insbesondere der Bundeswehr auf ihrem Gelände zuzulassen? Und wie möchte sie in Zukunft noch unabhängig berichten, wenn sie offensichtlich so deutlich mit dem Militär verbandelt ist? Handelt es sich bei der Berichterstattung über Krieg und Außenpolitik in der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘ dann um journalistische Beiträge, in denen frei und offen Kritik geübt werden kann, oder werden sie zuvor mit dem Militär und dem Außenministerium abgestimmt?

Veranstaltungshinweis: Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Schulen – eine kritische Analyse

Zeit: 2. September 2013 um 19.00 Uhr

Ort: GEW Geschäftsstelle, Berliner Allee 18, 30175 Hannover, Sitzungssaal im Erdgeschoss

Vor dem Hintergrund der Bundeswehrreform und der Entwicklung der Bundeswehr von einer Verteidigungs- hin zu einer Interventionsarmee im weltweiten Einsatz, sieht sich diese mit einem erhöhten Nachwuchs- und Legitimationsbedarf konfrontiert. Neben Werbe- und Imagekampagnen zur Nachwuchs- und Akzeptanzgewinnung wird von Seiten der Bundeswehr versucht, mit Angeboten zur politischen Bildung für Schüler_innen und Lehrkräfte sowie einer Institutionalisierung der Zusammenarbeit mit Kultusministerien und Bildungsbehörden den Einfluss auf die schulische politische Bildung zu intensivieren. So wurden in den letzten Jahren in mehreren Ländern Kooperationsabkommen zwischen der Bundeswehr und Kultusministerien abgeschlossen. Dieser Einfluss der Bundeswehr auf das staatliche Bildungswesen ist im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Militarisierung zu sehen.

Lena Sachs wird in ihrem Vortrag die geschichtlichen, politischen und rechtlichen Hintergründe sowie aktuellen Entwicklungen dieser fragwürdigen Zusammenarbeit beleuchten und die Arbeit der Jugendoffiziere sowie den bundesweiten Widerstand gegen die Militarisierung des Bildungssystems vorstellen. Im Anschluss an den Vortrag sind alle zu einer anregenden Diskussion eingeladen.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!
Es laden ein: GEW-Kreisverbände Hannover-Stadt und Hannover-Land