Werben fürs Sterben – Sport und Stadien als Werbeträger für die Bundeswehr

Allseits bekannt ist, dass die Bundeswehr massiv über Sportfördergruppen Spitzensportler_innen fördert. Das geht inzwischen so weit, dass Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften mehrheitlich von Armeesportler_innen bestritten werden. Gezielt werden die Athletin_innen über mangelnde zivile Fördermöglichkeiten in die Bundeswehr getrieben und dienen dort als Aushängeschild.

Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um den bereits in den vergangenen Jahren in diesem Blog diskutierten Einsatz der Bundeswehr in Stadien zur Werbung für sich selbst. Dabei wird eine überwiegend junge begeisterungsfähige Menge angesprochen. Ziel ist weniger der konkrete „Werbekontakt“ – vielmehr soll die Bundeswehr als allgemeine normale und sympathische Arbeitgeberin präsentiert werden.

2013 hat die Bunderegierung auf eine Anfrage der Linken ihre Werbemaßnahmen für 2012 bekannt gegeben. Hier habe ich das auseinandergenommen.

Kurz zusammengefasst: 2012 erhielt Hertha BSC für umfangreiche Werberechte 127.000 EUR. Der Hamburger SV erhielt 71.400 EUR als Supplier des HSV. Diese Kooperation wurde damals beendet. Nach Angabe der Regierung damals wurden 2012 22.000 EUR und 2013 33.500 EUR für Hannover 96 ausgegeben. Zusätzlich erhielt der Berliner Fußball-Verband 24.000 EUR. Neben dem Sponsoring der großen Vereine wird insbesondere in kleine Vereine investiert um für den Beruf des Tötens werben. Für 2012 wurden 14 Vereine aufgeführt, gegenüber drei Vereinen 2010 und zwei Vereinen 2011. Neun Vereine waren für 2013 bereits benannt. Soweit so bekannt.

In der einer kleinen Anfrage hat die Linke nun die Zahlen für 2013 und 2014 befragt (DS 18/2325).

Die Zahlen sind erschreckend. 19 kleinere Mannschaften wurden 2013 gefördert, ein weiterer ist für 2014 angegeben. Mit Beginn der Saison werden sicher weitere hinzukommen.

Konkret sind das:

  • TSV Wolkersdorf
  • JGV Steigerwald
  • TSV Rudelzhausen
  • TSV Nördlingen
  • FC Donauwörth 08 e.V.
  • TSV 1960 Herbertshofen
  • TSV 1863 Schwabmünchen
  • JFG Höllental
  • SV Schalding-Heining
  • SpVgg SV Weiden e.V.
  • JFG Bayreuth West e.V.
  • Sportverein Puch e.V.
  • Sportverein Glienicke/ Nordbahn e.V.
  • SV Grün-Weiß Schwerin e.V.
  • SSV Neutz
  • VfB Zahna
  • TSV Havelse
  • FV Lörrach-Brombach
  • VFR Schneckenlohe (2014)

Heraussticht dabei der FV Lörrach-Brombach, welcher für umfangreiche Bewerbung 11.300 EUR jeweils für 2013 und 2014 erhält. Bei allen anderen wird für verschiedene Werbeformen angefangen bei Anzeigen im Vereinsmagazin bis zum Trikotsponsoring ein Betrag von NULL(!) EUR bis zu 5.000 EUR gezahlt. Gerade die in der Jugendarbeit verwurzelten kleinen Vereine missachten hier völlig ihre Verantwortung.

Aber auch im Fußball der höheren Ligen hat die Bundeswehr 2013 erheblich zugelegt.

So wird der Chemnitzer FC für Anzeigen mit 1.500 EUR für Anzeigen bedacht (2014 kommen zusätzlich 10.000 EUR hinzu) und erhält der Regionalligist Carl-Zeiss Jena 30.000 EUR für klassische Werbung (Banden, Spot, Anzeigen und ein Logo im VIP Bereich) – für 2014 sind bisher 40.000 EUR ausgegeben. Der Drittligist Holstein-Kiel erhielt für Werbung 34.500 EUR (2014: 34.500)

Auch in der zweiten Liga ging es weiter. Union Berlin bekam für den Titel „Eiserner Sponsor“ mit umfangreicher Werbung und Sponsorentreffen 2013 47.600 EUR (für 2014 sind 15.000 bisher zusätzlich ausgegeben), VfR Aalen erhielt 19.500 EUR und der Karlsruher SC 23.200 EUR. Bei beiden letztgenannten Vereinen finanzierte die Bundeswehr u.a. ein Trainingscamp. Ob die Profis über Stellwände klettern mussten und Schießübungen machten ist nicht bekannt. Bei beiden Vereinen sind Zahlungen in gleicher Höhe bisher für 2014 eingestellt.

Aber auch in der 1.Bundesliga ging es mächtig zur Sache. Der damalige Erstligist 1.FC Nürnberg erhielt 20.000 EUR u.a. für ein Trainingscamp für Schüler_innen, E-Mailaktionen, Inserate und das recht sich „Frankenstolz Partner“ nennen zu dürfen. Hier wurde offensiv um Kinder in Trainingscamps geworben – analog wie es die Militärs mit Anzeigen in der Jugendzeitschrift Bravo tun.

Von den aktuellen Erstligisten wurde Hannover 96 mit 65.500 EUR für ein umfangreiches Werbepaket gesponsert. Hier setzt sich eine langjährige Kooperation fort(siehe Links am Ende des Textes). Laut Neuer Presse sagte dazu der Kommunikationschef von Hannover 96 Alex Jacob “Die Bundeswehr ist seit Jahren ein verlässlicher und guter Partner des Vereins.” 96-Präsident Martin Kind habe eine besondere Beziehung zur Bundeswehr. Man lade gelegentlich Soldaten zur Stadionführung ein und Kind sei bei der Bundeswehr auch schon als Vortragsredner aufgetreten. (Quelle).

In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken – im Gegensatz zu anderen Vereinen – nicht genannt wurde der Status der Kooperation. Die Bundeswehr ist „official Supplier“ der Roten.

Mit 65.500 EUR hat sich das Budget gegenüber 2012 verdreifacht. Eine Zahlung in gleicher Höhe ist bisher für 2014 angegeben. Prinzipiell gilt, dass die Werte sich noch erheblich nach oben ändern können, da das Denken in Kalenderjahren nicht dem in Fußballjahren entspricht. Alle gemachten Aussagen entsprechen dem Stand vom 7.August 2014.

Auch der Hamburger Sportverein ist entgegen der Aussageaus dem Jahre 2012 wieder im Boot. Zwar wurde das Budget halbiert. Aber mit immerhin noch 37.500 EUR finanziert die Bundeswehr in der Fastabstiegssaison beim selbsternannten Dino der Bundesliga die Werbung für die Ausbildung an den Mordwerkzeugen. Für 2014 sind noch keine Zahlen eingestellt.

Auffallend an den Antworten zur kleinen Anfrage ist auch die zunehmende Etablierung im Handball und im Motorsport. Das ist aber eine eigene Analyse wert und wird daher im Rahmen dieses Artikels nicht weiter verfolgt.

Bleibt die Frage: Was tun? Hannover – mit seiner zerstörten organisierten Fanszene und einem militärfreundlichen Präsidenten – ist natürlich ein ideales Experimentierfeld für die Werbestrategen der Bundeswehr. Bei nur zwei von 18 Bundeligisten traut sich die Bundeswehr so weit heraus. Ist sie jedoch langfristig in Hannover erfolgreich, wird das der Startschuss für eine Welle der Militarisierung im Sport sein. Bald wird sich dann nicht mehr die Frage stellen, ob die beworbene Zielgruppe wirklich alt genug ist zu verstehen, was es bedeutet – für dich selber und andere – Soldat_in zu sein. Militärische Lösungen werden zur unhinterfragbaren Kategorie. Die Frage müssen wir uns stellen. Wollen wir das wirklich?

Weiterführende Links

Militärwerbung in Stadien – die Zahlen
Der Schuss aufs Ziel – die Bundeswehr, das Schlachtfeld und die Fußball-Stadien
Die Einvernahme des Fußballs durch Militärs geht weiter
Fußball als Mittel der Militarisierung der Gesellschaft und Hannover 96 als deren Handlanger_in
PM von DFG-VK und Friedensbüro: Hannover 96 vereinnahmt Fans für die Bundeswehr

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