Ultras beim Niveaulimbo: Choreo entwickelte sich zur sexistischen Pöbelei – die hannoversche Blamage.

Kurz zu den Fakten: Beim Spiel der Roten aus Hannover gegen die Kiezkicker aus Hamburg am 1. Oktober im Niedersachsenstadion fand eine Choreographie in der Nordkurve statt. Der Spruch auf einem Banner über der gesamten Nord sollte – entsprechend der verteilten Flyer – lauten: „Kämpfen bis die Fetzen fliegen“. Parallel wurde dafür geworben, beim Einlaufen der Mannschaften einen Konfettiregen aus der Nordkurve zu starten. Das klappte auch soweit hervorragend. Von den meisten Fans in der Kurve unbemerkt, wurde wenig später das Transparent „leicht“ verändert – mit drastischer inhaltlicher Wirkung. Aus dem „e“ in „Fetzen“ wurde ein St.Pauli-Wappen – es sollte nun ein „o“ darstellen; der Buchstabe „f“ des Wortes „fliegen“ wurde überhangen. Damit wurde aus einem mäßig geistreichen Spruch ein widerlicher, sexistischer, frauenverachtender Spruch, der eine ganze Halbzeit lang das Bild der organisierten hannoverschen Fanszene prägte.

Dieser Spruch, im Nachhinein nicht nur bei Facebook, als gelungen Angriff auf „die Zecken“ gefeiert, markiert einen Tiefpunkt in der Außendarstellung der Ultras aus Hannover. Nicht nur, dass die Empörung darüber mit Kommentaren wie:  „Es wird auf allen Plattformen immer noch darüber diskutiert… Man hat mit dem Banner alles richtig gemacht.“ und „Da hat der Spruch aber jemanden hart getroffen.“ (Quelle: das-fanmagazin.de) auf eine Ebene kleiner Scharmützel zwischen den Fanlagern kleingeredet wird, vielmehr wird hier explizit die antirassistische, antisexistische und antihomophobe Arbeit, die nun einmal bei St.Pauli aktiv gelebt wird und beispielgebend für andere Vereine sein sollte, explizit in den Dreck getreten. Hier begibt man sich – gewollt oder ungewollt – auf eine Stufe mit den Rassist_innen von der AfD. Dieses Spruchband war nicht nur eine Beleidigung an den Fußballgegner, sondern ein Rückfall in frühere Zeiten gesellschaftlicher Emanzipation, gerade auch in der Ultraszene. Es bleibt sehr zu hoffen, dass dies szeneintern, aber auch nach außen, reflektiert wird.

Eine andere Ebene ist aber für das Innenverhältnis in der Fanszene Hannovers bedeutend. Wie eingangs beschrieben, waren die hinter dem Block stehenden Fans nicht über die geplante Umdeutung des Banners informiert. Sie wurden für etwas vereinnahmt, was sicher ein nicht unerheblicher Teil explizit ablehnen würde. In Zukunft kann bei Choreographien oder anderen Aktionen der organisierten Fanszene das bisher vorhandene Grundvertrauen nicht mehr vorausgesetzt werden – Choreos werden so eigentlich unmöglich. Ich werde mich zumindest an keiner mehr beteiligen, solange dieses Vertrauen nicht wieder hergestellt ist.

Auf jeden Fall muss im Verein und unter den Ultras über Sexismus diskutiert werden. Bisher gab es einen einigermaßen emanzipatorischen Grundkonsens einzelner Ultra-Gruppierungen, der solche sexistischen Transparente nicht zugelassen hätte.  Sport hat eine Vorbildrolle. Die Auseinandersetzung ist bei Hannover 96 nötig.

Last but not least: Jedes Jahr feiert sich die organisierte Fanszene mit einem Spaß gegen Stumpf-Konzert. Welche Berechtigung hat dieses Konzert noch, wenn die gleichen Gruppierungen Hass gegen Frauen propagieren?

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