Ulmer Deserteuren gedenken

(erschienen in Friedensforum 5/2011)

Erst 2002 hat es der Deutsche Bundestag vermocht –  insbesondere gegen den Widerstand der Konservativen –  die Deserteure des Zweiten Weltkrieges zu rehabilitieren. Bis zur Anerkennung auch der „Kriegsverräter“ sollte es bis 2009 dauern. Vorausgegangen war ein erbitterter Streit mit Schlagworten wie Sicherstellung der „Ehre des deutschen Soldaten“, „Vaterlandsverrat“ und „Feigheit vor dem Feind“.

Was bisher noch immer fast vollkommen fehlt, sind wissenschaftliche Detailstudien, die auf lokaler Ebene die Orte des Verbrechens benennen und individuelle Biographien rekonstruieren. Erst wenige Arbeiten sind hierzu entstanden, so bspw. die von Jürgen  Kammler zu Kasseler Deserteuren oder diejenige von Günter Fahle zu Desertion im Ems-Jade Gebiet.

Solche lokalen Arbeiten stießen und stoßen teilweise noch immer auf massive Widerstände vor Ort, weil sie einfordern, Verantwortung zu übernehmen und nicht weiter Soldatentum zu heroisieren. Wie schwierig der Umgang mit der eigenen Geschichte ist, zeigt das Beispiel der Garnisonsstadt Ulm. Massenhaft Kriegsdenkmäler bis in den Ulmer Münster hinein prägen das Stadtbild. Gedacht wird denen, die mitmachten – nicht jenen die sich dem Morden verweigerten. Symptomatisch dafür ist der Streit um das Ulmer Deserteursdenkmal, welches in der Stadt von Friedensinitiativen errichtet,  abgebaut werden musste und erst Jahre später am Rande der Stadt, in der Nähe des Erschießungsplatzes der Wehrmacht im ‚Lehrer Tal‘, wieder aufgestellt werden konnte. Ein würdiges Gedenken an die Deserteure in der Stadt dazu fehlt bis heute.

Dem Autor Oliver Thron und dem Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg kommt das Verdienst zu, sich diesem Stück Stadtgeschichte angenommen zu haben. Auf 80 gut lesbaren Seiten präsentiert der Autor ein Stück Ulmer Stadtgeschichte, das bisher in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vorkam. In der Monographie „Deserteure und ‚Wehrkraftzersetzer‘ –  ein Gedenkbuch für die Opfer der Militärjustiz in Ulm“ beschäftigt sich der Autor mit jenen Gehorsamsverweigerern, die in Ulm hingerichtet wurden. Thron nennt Opfer, Täter und Orte der Verbrechen beim Namen. Für sechs Soldaten gelang dabei erstmals der Nachweis, dass das Militär in Ulm Hinrichtungen durchführte. Mit ausführlichen Biographien werden aus namenlosen Opfern Menschen mit Gesicht und Geschichte. Da ist beispielsweise Jakob Eckstein. Eckstein, Jahrgang 1920 – geboren im schwäbischen Nehresheim – wird 1941 zur Wehrmacht ins thüringische Altenburg eingezogen. Im Juli 1943 wird er in der Nähe Stalingrads durch einen Kopfschuss schwer verwundet und ist 48 Stunden verschüttet. Nach medizinischer Behandlung bleiben als Nebenfolge schwere epileptische Anfälle. Ende Januar 1944 soll er in Stuttgart auf eine Entlassung als Schwerversehrter überprüft werden. Von dort kommt er nicht mehr zurück, sondern versteckt sich bei  seiner Freundin Erna in Altenburg. Beim Versuch, sie zu heiraten wird er  von der Feldgendarmerie – den berüchtigten „Kettenhunden“ – verhaftet und nach Ulm ins Militärgefängnis gebracht. Im ‚Lehrer Tal‘ wird er am 17. März 1945 hingerichtet.

Erschießungen fanden im ‚Lehrer Tal‘ am Rande des Ortes statt. Zudem stand im Innenhof des Untersuchungsgefängnisses eine Guillotine. Die Täter – beispielsweise Oberfeldrichter Hermann Bames – werden im vorliegenden Werk ebenfalls benannt. Bames, der nach dem Krieg Landesgerichtsdirektor in Ulm und Vorsitzender der Spruchkammer über die Belastung ehemaliger NS-Täter war, war während des Krieges an mindestens 4 Todesurteilen beteiligt und stufte nach dem Krieg Mitglieder der SS als „unbelastet“ ein. In einem Nachruf der Schwäbischen Donauzeitung heißt es, trotz des Wissens um seine Beteiligung an den Verurteilungen über ihn: „…erwarb sich Direktor Bames besondere Verdienste um den Wiederaufbau der Zivilgerichtsbarkeit […][Er] wurde breit geschätzt und verehrt.“  Wichtiger Bestandteil des Buches ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Militärgeschichte – vielmehr zeigt es auch die fortwährende Militärgläubigkeit der Stadt auf. „Deserteure und ‚Wehrkraftzersetzer‘ – eine Gedenkbuch für die Opfer der Militärjustiz“ schließt eine wichtige Lücke in der Ulmer Regionalgeschichte. Es kann und wird dazu beitragen, dass die Debatte über Gedenken und über die Geschichtskultur in Ulm anders geführt werden muss.

Oliver Thron:  Deserteure und ‚Wehrkraftzersetzer‘ – eine Gedenkbuch für die Opfer der Militärjustiz in Ulm, Klemm + Oelschläger, Ulm 2011, ISBN: 978-3-86281-024-6

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