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Strömungen des Pazifismus und Antimilitarismus

mit freundlicher Genehmigung des Autors

Vortrag von Gernot Lennert beim Symposium Zukunft des politischen Pazifismus, Frankfurt/M., 28./29. Januar 2017, veranstaltet von der Bertha-von-Suttner-Stiftung, DFG-VK Bildungswerk Hessen und der DFG-VK Frankfurt

Menschen sind immer wieder erstaunt, dass es innerhalb der Friedensbewegung Konflikte gibt. Selbst von langjährigen Aktiven der Friedensbewegung hörte ich schon: „Wozu denn überhaupt Streit? Wir wollen doch alle das Gleiche.“ Dieser Eindruck kann entstehen, weil oft die Übereinstimmungen überwiegen und Differenzen erst bei bestimmten Themen zutage tre­ten. Viele in der Friedensbewegung sind sich der Unterschiede noch nicht einmal bewusst und reagieren mit Überraschung und Unverständnis, dass andere manches ganz anders sehen, ob­wohl diese doch auch in der Friedensbewegung aktiv sind.

Warum kommt es dazu? Zuerst ist zu bedenken, dass Friedensbewegung nicht gleichbedeu­tend mit Pazifismus ist. In friedenspolitischen Bündnissen, an denen sich nicht nur Friedens­gruppen im engeren Sinn beteiligen, sondern auch Parteien, Gewerkschaften, kirchliche Orga­nisationen und Gruppen aus anderen sozialen Bewegungen, sind pazifistisch gesinnte Grup­pen und Personen oft in der Minderheit. Außerdem sind PazifistInnen neben ihrer pazifisti­schen Überzeugung anderen Weltanschauungen verbunden. Allein daraus ergeben sich zwangsläufig verschiedene Positionen.

Auch der Pazifismus im engeren Sinn hat mehrere Wurzeln. Selbst wenn man sich einig ist, dass man für Frieden eintritt und Kriegsursachen beseitigen will, stellen sich die Fragen: Was ist unter Frieden zu verstehen? Was sind die Ursachen des Krieges? Welche Mittel sind geeig­net? Wie steht man zu einzelnen politischen Fragen?

Dass der Pazifismus so vielfältig ist, ist keine Besonderheit. Das gilt für jede Ideologie und jede Bewegung - auch für Christentum, Islam, Liberalismus, Nationalismus, Marxismus, Anarchismus und Faschismus: Je genauer man hinschaut, desto komplexer ist das Bild. Die ganze Vielfalt kann ich hier nicht darstellen. Ich muss und will mich auf die großen Linien be­schränken, vor allem auf diejenigen, die für uns heute relevant sind.

Manche verwenden die Begriffe Pazifismus und Antimilitarismus synonym oder nennen sie beide, um ihre eigene Position zu beschreiben. Andere betonen: „Ich bin Antimilitarist, aber kein Pazifist.“ Die Begriffe waren und sind im Wandel, es gibt Nuancen der Bedeutung in verschiedenen Sprachen. Pazi­fismus ist immer antimilitaristisch, doch Antimilitarismus ist nicht notwendigerweise pazifistisch. Bei manchen habe ich den Eindruck, dass sie sich lieber antimilitaristisch nennen, weil ihnen der Begriff pazifistisch zu brav und bürgerlich klingt.

Friedensgesellschaften bildeten sich seit 1815, zuerst in englischsprachigen Ländern, später in Konti­nentaleuropa. Der Begriff Pazifismus setzte sich ab 1901 durch. Er steht grob gesagt für die Ableh­nung von Krieg und das aktive Engagement für Frieden und kommt vom lateinischen pacem facere, was Frieden machen bedeutet.

Beim Antimilitarismus können der liberale Antimilitarismus und der sozialistische Antimilitarismus unterschieden werden, wobei der sozialistische in den marxistischen und den anarchistischen Antimili­tarismus unterteilt werden kann. Der liberale Antimilitarismus wendet sich nicht gegen die Existenz von Militär an sich, er betont das Primat des Zivilen. Zivile Institutionen sollen das Militär kontrollie­ren, das auf seine Kernfunktion beschränkt bleiben soll Das Militär und militärische Wertvorstellun­gen sollen nicht in die zivile Sphäre der Gesellschaft übergreifen. Die sozialistischen Antimilitarismen sehen das Militär als Machtinstrument nach innen und nach außen und den Militarismus als integralen Teil der kapitalistischen Ordnung, die zu überwinden ist.

Hauptströmungen von Pazifismus und Antimilitarismus vor dem Ersten Weltkrieg[1]

Es gibt zahlreiche Typisierungen der unterschiedlichen Spielarten und Strömungen des Pazifismus und Antimilitarismus, wonach drei, vier, sieben oder mehr Varianten unterschieden werden können. Ich halte es für sinnvoll, drei große - in sich wiederum heterogene - Strömungen zu unterscheiden, wie sie sich vor dem Ersten Weltkrieg abzeichneten und bis heute politisch wirksam sind:

  • den bürgerlich-organisatorischen Pazifismus,
  • den radikalen Pazifismus und den anarchistischen Antimilitarismus,
  • den marxistischen Antimilitarismus

Ein typisches Beispiel für den Pazifismus, für den sich die Begriffe bürgerlicher oder Rechtspazifismus oder organisatorischer Pazifismus eingebürgert haben, ist die vor 125 Jahren gegründete Deutsche Friedensgesellschaft.[2] Der bürgerliche Pazifismus plädierte für Abrüstung und friedliche Konfliktlösung zwischen Staaten. Als Mittel dazu sollten Schiedsge­richte, internationale Gerichtsbarkeit und - was Alfred Hermann Fried, Mitbegründer der DFG, besonders betonte - internationale Organisationen dienen. Organisationen wie der Völ­kerbund und die Vereinten Nationen gehen damit auf pazifistische Ideen zurück. Der bürgerli­che Pazifismus stellte den Staat an sich nicht in Frage, auch wenn Missstände angeprangert

wurden und bürgerliche Pazifistlnnen sich für emanzipatorische Anliegen wie Menschen­rechte, Demokratie und soziale Gerechtigkeit engagierten. Verteidigungskrieg, nationaler Be­freiungskrieg und der Zwang zum Kriegsdienst wurden akzeptiert, Kriegsdienstverweigerung wurde abgelehnt.

Eine Wurzel für den radikalen Pazifismus waren gewaltfreie christliche religiöse Gruppen in der frühen Neuzeit wie Mennoniten, Hutterer und Duchoborzen, deren Angehörige den Kriegsdienst verweigerten.[3] Die in der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts entstande­nen Quäker - oder Society of Friends - wollten sich nicht wie andere unpolitisch von der „sündhaften Welt“ isolieren, sondern engagierten sich in sozialen Bewegungen wie der Anti­Sklaverei- und der Friedensbewegung. Generell war die liberalere und tolerantere politische Kultur der englischsprachigen Länder mit ihrer größeren Wertschätzung des Individuums ein guter Nährboden sowohl für Kriegsdienstverweigerung als auch für Pazifismus. In England wurde beispielsweise bereits 1648 in den Verfassungsdebatten das Recht auf Kriegsdienstver­weigerung gefordert.[4]

Radikal gewaltfreie Ansätze vertraten z.B. in Russland Lev Tolstoj und in Indien Mahatma Gandhi.

Die 1921 (damals unter dem Namen Paco) gegründete War Resisters' International ist über­wiegend diesem Spektrum des Pazifismus zuzuordnen, beeinflusst auch vom anarchistischen Antimilitarismus.

Der anarchistische Antimilitarismus sieht Staat und Kapitalismus als Kriegsursachen, das Militär als Fundament des Staates. Folgerichtig propagierten Anarchosyndikalisten die Kriegsdienstverweigerung, die Verweigerung der Rüstungsproduktion und die gewaltfreie di­rekte Aktion. „Die Waffen nieder, die Hämmer nieder!“[5], wie es Rudolf Rocker formulierte.

Es waren vor allem niederländische Anarchisten, die Anfang des 20. Jahrhunderts den anar­chistischen Antimilitarismus artikulierten.

Der marxistische Antimilitarismus, wie er namentlich von Karl Liebknecht vertreten wurde, sah den Militarismus als Instrument der kapitalistischen Klassenherrschaft und der imperialis­tischen Kriegspolitik. Kriegsdienstverweigerung wurde abgelehnt und Liebknecht erklärte sie zum utopischen Standpunkt und bekannte sich zu „Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.“[6] Der Anarchist Ferdinand Domela Nieuwenhuis kritisierte diesen sozialdemokratischen Antimilitarismus:

„Die Sozialdemokraten wollen den Militarismus nicht an der Wurzel treffen; sie wollen bloß ein Volksheer (...). Sie wollen nur eine Form-, keine Wesensänderung. Was die Sozialdemo­kraten Antimilitarismus nennen, sind in Wahrheit Reformen im Heere ... Sie greifen den Mili­tarismus nicht als Institution an.“ [7]

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen sich bürgerliche, radikale und revolutionäre Strö­mungen des Pazifismus näher. Im bürgerlichen Pazifismus begann man, sich dem Gedanken der Kriegsdienstverweigerung anzunähern. Andere verbanden Pazifismus mit Kapitalismus­kritik. Im Bemühen, die verschiedenen Ansätze zusammenzubringen, entstanden Bezeichnun­gen wie „revolutionärer Pazifismus“ und „Jung-Pazifismus“. Es kam zu heftigen Debatten, auch innerhalb der DFG, die ideologisch heterogener geworden war. Über die Pazifistenkon­gresse in dieser Zeit schrieb Ossietzky 1924, „nur leicht übertreibend“:[8]

„Sie sind ein ungeheures Blutbad, eine massenweise Absäbelung von Führerköpfen. Ein Sperrfeuer von Anklagen, Bezichtigungen, Mißtrauensvoten. Der in Paris geschätzte Herr v. Gerlach wird in Berlin als Verräter behandelt, als schwachköpfiger Opportunist, wird demo­liert. Herr Hiller schwingt den tintentriefenden Tomahawk; er ruft zum heiligen Krieg gegen die Zweifler an seiner Autorität ... Er sagt Menschheit und meint Stuhlbein.“ [9]

In den 1920er Jahren prallten innerhalb der pazifistischen Szene erstmals höchst unterschied­liche Weltanschauungen aufeinander, in einer insgesamt turbulenten Zeit mit bürgerkriegsarti­ger Gewalt, die auch bei pazifistischen Versammlungen Saalschutz notwendig machte.

Einige Konfliktthemen möchte ich exemplarisch hervorheben.

Für den bürgerlichen Pazifismus ist der Krieg ein Störfaktor in einer Staatenwelt, die man bei aller Kritik im Detail grundsätzlich bejaht, oft auch inklusive Militär und Zwang zum Kriegs­dienst. Typisch für das entgegengesetzte Ende des Spektrums stand z.B. ein radikaler staats­ablehnender Gewaltfreier wie Tolstoj. Für ihn waren Staat, Kirche und Gesellschaft zutiefst krank, der Militarismus nur ein Symptom einer tieferliegenden Krankheit.[10] Oder moderner ausgedrückt: Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler. Aus solch unterschiedlichen Sichtweisen ergeben sich bis heute unterschiedliche Positionen.

An einem Punkt stehen der organisatorische Pazifismus und die Gewaltfreiheit in einem Wi­derspruch: Zum Konzept der vom organisatorischen Pazifismus geforderten internationalen Organisationen gehört das gewaltsame Vorgehen gegen Friedensbrecher. Besonders deutlich formuliert das eine Romanfigur von Karl May, der in seinem Spätwerk pazifistische Ideen vertrat und mit Bertha von Suttner in Kontakt stand: „Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust!“[11] - die Faust von Kara Ben Nemsi alias Old Shatterhand, der robusten Ein-Mann-Friedenstruppe, die das Töten vermeidet und möglichst nur be­wusstlos schlägt.

Es wird oft argumentiert, Einsätze möglichst leicht bewaffneter Friedenstruppen seien per definitionem kein Krieg, sondern als Polizeiaktion zu werten. Das Dilemma bleibt aber. Der gewaltfreie Pazifist Bart de Ligt hat es 1937 in Bezug auf den Völkerbund so formuliert:

„Es ist wahr, dass der Völkerbund bestimmte Arten von Krieg verbietet, d.h. solche Kriege an sich für illegitim erklärt. Trotzdem erlaubt der Bund andere Kriege, so dass sie in Genf zwi­schen legalen und illegalen Kriegen unterscheiden... Weit entfernt davon, die Menschheit von dieser Pest zu befreien, hat der Völkerbund sogar neue Formen davon eingeführt. Denn die ultimative Sanktion, die gegen einen Staat, der zum Aggressor erklärt worden ist, ist immer noch Krieg. Und so wird Krieg im Namen des Friedens vom Völkerbund als Krieg für Frie­den gebilligt.“[12]

Anders ausgedrückt: Das Mittelalter kannte den gerechten Krieg, die Neuzeit brachte den völkerrechtlich legalen Krieg. Mit dem Krieg gegen Friedensbrecher, heute gern humanitäre Intervention genannt, erleben wir die Rückkehr des gerechten Kriegs.

Jahrzehntelang war das kein Thema für die Friedensbewegung, da die Vereinten Nationen durch den Ost-West-Konflikt blockiert waren. Doch seit den 1990ern kommt es wieder auf, und es wird auch bei diesem Symposium[13] thematisiert werden.

Ein weiterer Grundsatzkonflikt entzündete sich beim Thema Kriegsdienstverweigerung an der Frage der Akzeptanz eines staatlich erzwungenen Ersatzdienstes. Hier hängt viel von der weltanschaulichen Ausrichtung ab: Wer Zwang für eine gute Sache befürwortet, kommt zu anderen Schlussfolgerungen als diejenigen, die jegliche Beteiligung am Kriegsdienstsystem ablehnen und Zwangsverpflichtung an sich als einen Akt freiheitsberaubender Gewalt sehen.

Die pazifistischen Strömungen bewegten sich nach 1945 weiter aufeinander zu. Neu war, dass der marxistische Antimilitarismus und sein Gedankengut in der Friedensbewegung einen fes­ten Platz fanden. Der sowjetische Machtblock definierte sich selbst als „das Friedenslager“. Ein organisatorischer Ausdruck war der Weltfriedensrat.

Heute sind die Denktraditionen der von mir eingangs skizzierten Hauptströmungen der Frie­densbewegung weiterhin vorhanden - aber selten säuberlich voneinander getrennt, sondern im Bewusstsein vieler Aktiver mehr oder weniger, meist unbewusst, in unterschiedlichen Mi­schungsverhältnissen miteinander verwoben. Kleinere Organisationen der Friedensbewegung lassen sich noch eher den einzelnen Denkrichtungen zuordnen.

Für die DFG-VK gilt das nicht. Wie der lange und sperrige Name vermuten lässt, ist die DFG-VK Ergebnis des Zusammenschlusses mehrerer Organisationen, die sich inhaltlich ei­nander angenähert hatten. Eine Folge ist, dass die meisten Kontroversen innerhalb der Frie­densbewegung automatisch auch innerhalb der DFG-VK ausgetragen werden.

Die anfangs genannten Strömungen waren auch in der Friedensbewegung der 1980er Jahre deutlich erkennbar. Jochen Lange sah 1982 in der damaligen Friedensbewegung ein Bündnis aus

  • bürgerlichen Pazifisten, die das staatliche Gewalt- und Herrschaftsmonopol grund­sätzlich akzeptieren, lediglich gegen die Auswüchse der Militärpolitik protestieren ...
  • taktischen Pazifisten, die hier für Abrüstung eintreten und dort Wehrerziehung und die Ideologie des ,gerechten Krieges‘ befürworten
  • radikalen Pazifisten, die ohne ideologische und taktisch-politische Scheuklappen Ge­walt in jeder Form ablehnen ...“[14]

Typisch für die Friedensbewegung ist, dass sie auch thematisch differenziert ist. Je nach Thema und Anlass finden sich unterschiedliche Koalitionen zusammen. Der Protest gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen ab 1979 bündelte für einige Jahre die Kräfte, später widmeten sich die einzelnen Gruppen wieder mehr ihren jeweiligen Schwerpunktthemen.

Manche Konflikte werden nicht innerhalb der Friedensbewegung ausgetragen, sondern führen zur grundsätzlichen Abkehr vom Pazifismus: Im Ersten Weltkrieg war es einfach, alle Kriegsparteien gleichermaßen abzulehnen. Doch im Spanischen Bürgerkrieg standen nicht imperialistische Staaten gegeneinander, sondern Arbeitermilizen verteidigten sich gegen den Faschismus, von denen viele zeigten, wie sehr sie den ihnen aufgezwungenen Krieg und das Militär hassten: „Milicianos, si. jSoldados, jamas!“[15] Damals verabschiedeten sich prominente Pazifisten wie Fenner Brockway, Mitbegründer und erster Vorsitzender der WRI, und Al­bert Einstein vom Pazifismus.[16] Weitere Beispiele sind das Ausscheiden der Grünen aus der Friedensbewegung Ende der 1990er Jahre, oder, ein eher unbekanntes Beispiel, die Abkehr sogenannter Antideutscher seit Ende der 1990er Jahre, die sich mit dem Staat Israel identifi­zieren und die Friedensbewegung als Gegner sehen.

Während des Ost-West-Konflikts bestimmte das Verhältnis zum Sowjetblock die wichtigsten Kontroversen und Lagerbildungen in der Friedensbewegung und in der DFG-VK. Mit dem Verschwinden des sowjetischen Imperiums entfiel dieser Streitpunkt, so dass für die deutsche Friedensbewegung und die DFG-VK eine deutlich konfliktärmere Periode begann. Seit 2014, dem Aufflammen des Ukraine-Konflikts, ist das Verhältnis zu Russland ein Streitpunkt in der Friedensbewegung geworden, der dem früheren ums Verhältnis zur Sowjetunion ähnelt. Er führte z.B. dazu, dass die DFG-VK den Aufruf zur Friedensdemonstration am 8. Oktober 2016 in Berlin nicht unterzeichnete.[17]

Ebenfalls 2014 entstand eine Kontroverse ganz neuer Art, ausgelöst durch das Auftauchen der Montagsmahnwachen für den Frieden: Es stellt sich die Frage, ob sich als „neue Friedensbe­wegung“ bezeichnende politische Kräfte, die teilweise als politisch rechtsstehend wahrge­nommen wurden, als Teil der Friedensbewegung akzeptabel sind oder nicht. Es bleibt abzu­warten, ob sich daraus dauerhaft eine neue Strömung der Friedensbewegung entwickelt und ob diese in die schon genannten Grundrichtungen eingeordnet werden kann oder ob sie etwas vollkommen Neues darstellt. Siehe dazu: Die Debatte um die Stopp-Ramstein-Kampagne in der ZivilCourage. [18]

Traditionell gehörte die Friedensbewegung zum im weitesten Sinne emanzipatorischen, der Aufklärung verpflichteten linken Spektrum, angefangen vom Liberalismus bis hin zu den ver­schiedenen Spielarten des Sozialismus, was die gelegentliche Beteiligung einzelner Konserva­tiver nicht ausschloss. Neu ist, dass sich in größerem Umfang eindeutig rechte Gruppierungen als Friedensgruppen bezeichnen, ja sogar in einem Fall hochtrabend als Friedensbewegung bundesweite Koordination. [19] Auch hier bleibt abzuwarten, wie sich dies weiterentwickelt.

Gernot Lennert ist Historiker und promovierter Politologe sowie Geschäftsführer des DFG- VK-Landesverbands Hessen und Bildungsreferent des DFG-VK Bildungswerks Hessen

 

[1] Vgl. als Überblicksdarstellungen: Wolfram Beyer: Pazifismus und Antimilitarismus. Eine Einführung in die Ideengeschichte. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2012; Sozialgeschichte des Antimilitarismus. Sonderheft. Graswurzelrevolution Nr. 117/118 (1988);

[2] Zur Geschichte der DFG: Guido Grünewald: (Hg.) Nieder die Waffen! Hundert Jahre Deutsche Friedensgesellschaft (1892-1992). Donat-Verlag, Bremen 1992; zum organisatorischen Pazifismus: Alfred Hermann Fried: „Organisiert die Welt!“ (Guido Grünewald Hg.) Donat-Verlag, Bremen 2016.

[3] Zur Geschichte des radikalen Pazifismus und der Kriegsdienstverweigerung vgl: Devi Prasad: War is a Crime against Humanity. The Story of War Resisters‘ International. War Resisters‘ International , London 2005; Wolfgang Weber-Zucht: Widerstand bis zum Äußersten leisten ... In: Widerstand gegen die Wehrpflicht. Texte und Materialien. Weber, Zucht & Co./ Zündhölzchen Kassel/ Korntal 1982, S. 7-16.

[4] Vgl.: Petition vom 11.9.1648, in: Leveller Manifestoes of the Puritan Revolution. (Don M. Wolfe Hg.) New York u.a. 1944 S. 287; Gernot Lennert: Die Diggers. Trotzdem-Verlag, Grafenau 1986, S. 127; Gernot Lennert: Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung: Ein Widerspruch. In: Kriegsdienste verweigern. Pazifismus aktuell. Libertäre und humanistische Positionen. (Wolfram Beyer Hg.) Oppo-Verlag Berlin 22007, S. 50-79S. 57.

[5] "Die Waffen nieder - die Hämmer nieder!". Rede des Genossen Rocker (Berlin) gehalten auf der Reichskonferenz der Rüstungsarbeiter Deutschlands, abgehalten vom 18. bis 22. März 1919 in Erfurt, Verlag "Der Syndikalist" Fritz Kater, Berlin 1919, S. 12-16; zitiert nach: https ://www. anarchismus.at/texte - antimilitarismus/8020-rudolf-rocker-die-waffen-nieder-die-haemmer-meder-1919-auszug (zuletzt gelesen 24.1.2017); vollständiger Redetext unter dem Titel „Keine Kriegswaffen mehr“ in: Rudolf Rocker: Aufsatzsammlung. Band 1 1919-1933. Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt/M. 1980 S. 16-31.

[6] Die Kontroverse zwischen Domela Nieuwenhuis und Karl Liebknecht. In: Sozialgeschichte des Antimilitarismus. Sonderheft. Graswurzelrevolution Nr. 117/118 (1988) S. 18f, S. 18.

[7] Ebd.

[8] Guido Grünewald: (Hg.) Nieder die Waffen! Hundert Jahre Deutsche Friedensgesellschaft (1892-1992). Donat-Verlag, Bremen 1992, S. 74.

[9] Zitiert nach ebd.

[10] Vgl. Holge Kuße: „Es sei Friede!“ - Karl May, der Pazifismus und die Lebensreformbewegungen seiner Zeit. In: Karls Mays Friedenswege. (Holger Kuße Hg.) Karl-May-Verlag Bamberg/ Radebeul 2013, S. 11-116, S. 64.

[11] Karl May: Ardistan und Dschinnistan I, 1909 S. 17, zitiert nach ebd.: S. 58; vgl. auch im gleichen Buch: Eckehard Koch: „Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust!“ - Karl Mays Friedensutopien: vom Reich der Shen über Dschinnistan bis zum Clan Winnetou. S. 355-385.

[12] It is true that the League prohibits certain kinds of wars, that is to say, such wars are declared illegitimate by itself. Nevertheless, it allows others, so that at Geneva they distinguish between legal and illegal wars.... So far from liberating mankind form this plague, the League has even introduced new forms of it. For the ultimate sanction brought into use against a State which has been declared the aggressor is still war. And so, in the name of all kinds of peace measures, war is sanctioned by the League as a war for Peace.“Bart de Ligt:

The Conquest of Violence. An Essay on War and Revolution (1937). Zitiert nach: The United Nations. More Than A Victors’ Club? FöGA Working Group on WRI (Hg.) Köln/Oldenburg 1995 S. 43.

[13] Symposium Zukunft des politischen Pazifismus, Frankfurt/M., 28./29. Januar 2017, z.B. der Beitrag von Andreas Zumach.

[14] Joachim Lange: Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik - Der harte Kern der Friedensbewegung. In: Frieden in Deutschland (Adolf Bachmann/ Hans A. Pestalozzi/ Ralf Schlegel Hg.) Wilhelm-Goldmann-Verlag München 1982, S. 125-133, S. 132f.

[15] „Milizionäre ja, Soldaten nie!“ Milicianos, si jSoldados, jamas! La estrategia militar anarquista en la Guerra Civil. http://www.portaloaca.com/historia/ii-republica-v-guerra-civil/10434-milicianos-si-soldados- iamas-la-estrategia-militar-anarquista-en-la-guerra.html (zuletzt gelesen 2.5.2017)

16 Vgl.: Devi Prasad: War is a Crime against Humanity. The Story of War Resisters‘ International. War Resisters‘ International , London 2005, S. 170-175.

[17] Vgl.: Stefan Philipp: Bundesweite Friedensdemo ohne die DFG-VK. In: ZivilCourage Nr. 4/2016 S. 24f.

[18] Nr. 5/2016, Seite 16 f.

[19] http://friedensbewegung.info/ (zuletzt gelesen 24.1.2017)

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