Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule” endlich neu aufgelegt

Endlich ist es soweit. Nachdem die Erstauflage schnell vergriffen war, gibt es nun das  Buch “Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule”” (hg. von Koray Yılmaz-Günay) in einer 2. Auflage. Es wird aktuell schon ausgeliefert, so dass es sich auch durchaus noch als Geschenk anbietet – Bestellung direkt: http://www.edition-assemblage.de/karriere-eines-konstruierten-gegensatzes/ . In einigen Buchläden (wie Eisenherz Berlin und Schwarze Risse Berlin) liegt das Buch auch schon aus.
Ich finde das Buch extrem wichtig, gerade in den aktuellen Debatten – unbedingt lesen!

aus der Ankündigung: “Wie in einem Brennglas erscheinen seit den Anschlägen vom 11. September 2001 die seit dem Kolonialismus etablierten westlichen Imaginationen über „den Islam“ – Geschlecht und Sexualität waren und sind in diesen zentral. Und es blieb nicht bei Vorstellungen, sondern es wurden in westlichen Staaten demokratische Grundrechte abgebaut und Kriege begonnen – in weiten Teilen begründet mit Argumentationen über Geschlecht und Sexualität.

Der von Koray Yılmaz-Günay herausgegebene Sammelband mit Beiträgen in- und ausländischer Wissenschaftler_innen, Publizist_innen und Aktivist_innen blickt zurück auf die letzte Dekade und schaut auf die Überlappungen von feministischen und lesbisch-schwulen Debatten mit den Entwicklungen in der Mehrheitsgesellschaft. Er geht der Frage nach, ob/wie die relativen Erfolge der Frauen- und Homosexuellen-Emanzipation unter anderem durch rassistische Rückschritte erkauft wurden.”
Koray Yılmaz-Günay (Hg.)
Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule”
Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001
Neuausgabe, 2014, edition assemblage
216 Seiten, 18.00 Euro
ISBN 978-3-942885-53-9
Infos und Bestellung: http://www.edition-assemblage.de/karriere-eines-konstruierten-gegensatzes/

Anfragen für Rezensionsexemplare: info@edition-assemblage.de

Bisher erschienene Rezensionen u.a.:
http://www.kritisch-lesen.de/rezension/vom-gay-pride-zum-white-pride
http://salihalexanderwolter.de/koray-yilmaz-gunay-karriere-eines-konstruierten-gegensatzes-zehn-jahre-muslime-versus-schwule-sexualpolitiken-seit-dem-11-september-2001/

Berliner CSD – Judith Butler kritisiert schwul-lesbischen Rassismus und fordert zu gemeinsamen Kampf gegen Rassismus und Homophobie auf

Alle Jahre wieder. Christopher Street Days haben sich in den letzten Jahren zur Routine entwickelt. Von ein paar Ewiggestrigen abgesehen, die die Demonstrationen verurteilen oder beleidigen müssen, wie jüngst ein CDU-Landtagsabgeordneter aus Sachsen, der die CSD-Teilnehmer am liebsten gleich inhaftieren würde und das auch kund tut, haben sich die Veranstaltungen zur wichtigen Meinungsäußerung, aber nicht mehr zum Objekt des Aneckens verändert.
Einen ‚Skandal‘ gab es dann doch noch. Der Berliner CSD e.V. verleiht im Rahmen des CSDs Berlin den Zivilcourage Preis für gezeigte Zivilcourage und das Eintreten für Minderheiten. Dieses Jahr war neben dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker die Philosophin Judith Butler die zu Ehrende. Butler (oder ‚Frau Butler‘ wie sie die TAZ konsequent titelte) steht für das Aufbrechen der Geschlechtergrenzen. Mit dem Buch ‚Gender Trouble‘ (auf Deutsch als ‚Das Unbehagen der Geschlechter‘ erschienen) begründete die amerikanische Wissenschaftlerin maßgeblich die Queer Theory als Wissenschaftszweig. Aber auch zu Themen wie Krieg und Frieden weiß sie sich zu äußern, wie in ihrem unlängst erschienen Buch ‚Raster des Krieges‘. ->weiterlesen “Berliner CSD – Judith Butler kritisiert schwul-lesbischen Rassismus und fordert zu gemeinsamen Kampf gegen Rassismus und Homophobie auf” »

Opfertelefon auf Feindbildsuche II

Vorneweg, wer den ersten Teil vermisst, den gibt es hier: Opfertelefon auf Feindbildsuche

In diesem Beitrag wurde die Berliner Opferberatungsstelle für Opfer homophober Gewalt Maneo für ihre rassistische Kampagne, welche sie mit Studien unterlegt, kritisiert und die Studie entsprechend thematisiert.
Was damals noch nicht bekannt war, hat jetzt queer.de veröffentlicht(http://www.queer.de/detail.php?article_id=10906) herausgefunden. Neben oben beschriebenen analytischen Schwächen wurde die Umfrage auch gezielt manipuliert um islamophobe Vorurteile innerhalb der schwulen Community zu schüren. Von Maneo dazu befragt, wird mal wieder alles kleingeredet…

Schwule sind voll eklig?

Anmerkungen zu einer Studie (erschienen in Rosige Zeiten, Oldenburg, Dez.2007)

Die vergangene ROZ setzte sich mit einer Studie von Maneo auseinander und wies statistische Schwächen, sowie offen rassistische Betrachtungen nach. Mittlerweile ist eine weitere Studie erschienen, die hier ebenso betrachtet werden soll. Vorweggenommen sei, sie kommt zu ähnlichen Schlüssen, wie die Studie von Maneo, betont wiederum Migrationshintergrund als Ursache homophober Gewalt und legt wenig Gewicht darauf, dass homophobe Ansichten in allen Gruppen der befragten Jugendlichen ein beängstigendes Ausmaß annehmen. ->weiterlesen “Schwule sind voll eklig?” »

Opfertelefon auf Feindbildsuche

Pünktlich zum Tag gegen Homophobie hat die Berliner schwule Opferberatungsstelle und Notfalltelefon Maneo das Ergebnis einer anonymen Internetbefragung vorgestellt. Von den 24.000 TeilnehmerInnen der Befragung gaben 35% an, in den letzten 12 Monaten Ofer homophober Gewalt geworden zu sein. Besonderer Schwerpunkt in der Pressearbeit und der Studie wurde auf die Feststellung verwendet, das – obwohl nicht explizit abgefragt – von knapp 16% der Opfer „nichtdeutsche Täter“ genannt wurden. Auf diese TäterInnengruppe beschränken sich die weiteren Ausführungen von Maneo. Hingegen finden die 33% TäterInnen aus dem näheren Umfeld – also FreundInnen, Verwandte, KollegInnen, MitschülerInnen (hetero- oder homosexuell) – in der Pressearbeit von Maneo keine weitere Erwähnung. Dies obwohl bei den Befragten unter 18 Jahren diese TäterInnengruppe aus dem näheren Umfeld gar 70% der Übergriffe ausmacht! Der weiteren Betrachtung auch nicht würdig befindet Maneo rechtsradikale homophobe Gewalt, die immerhin einen Anteil von 7% der aufgeführten Gewalttaten ausmacht.
Betrachten wir die Gruppe der „nichtdeutschen Täter“ genauer:

Obgleich Maneo an keiner Stelle anführt, wie diese Gruppe definiert wird, werden sogleich weitreichende Schlüsse abgeleitet – die Integrationskonzepte, das Nebeneinander von Lesben, Schwulen auf der einen und MigrantInnen auf der anderen Seite sei gescheitert. Für eine Relativierung der TäterInnenschaft sei kurz die Statistik bemüht: Laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung (FAZ) vom 5.8.2007 haben knapp 20% aller in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund. Es kann also gar nicht von einem besonders großen Anteil „nichtdeutscher Täter“ gesprochen werden – diese Täterinnengruppe ist, um es zynisch auszudrücken (aber auch zynisch sein darf mensch zuweilen, um sich gegen Rassismus zu wehren), sogar unterrepräsentiert. Hinzu kommt, dass sich eine Gesellschaft mit vermeintlich einfachen Zuschreibungen häufig eigener Versäumnisse entledigen will: denn auch aus der Gruppe „nichtdeutscher Täter“ dürften die meisten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland geboren und sozialisiert wurden sein – aber das nur eine Randbemerkung, die sich in der vermeintlich wissenschaftlichen Studie Maneos ebenfalls nicht findet. Die Studie ist leider bereits jetzt vielzitiert (auch in der ROZ als Randnotiz) und passt sich als vermeintlich wissenschaftliche Untermauerung in die rassistischen Kampagne von LSVD und Co der letzten Jahre ein: Menschen mit „Migrationshintergrund“ werden unter Pauschalverdacht der Homophobie gestellt.

Aber es empfiehlt sich ein weiterer, vertiefender Blick in die wenigen Zahlen und Aussagen, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die Internetbefragung war anonym und öffentlich. Das heißt, es gab keine Möglichkeit eine Eindeutigkeit und Einmaligkeit der Aussagen zu erreichen. Manipulationen waren problemlos möglich und nicht nachweisbar. Von 120.000 (120 Tausend!) Zeitschriften beigelegten Fragebögen kamen nur 349! zurück – das Interesse an dem Online-Formular muss dagegen offenbar sehr hoch gewesen sein. Immerhin haben sich innerhalb von nur 2 Monaten 23.500 Menschen beteiligt . Die Studie war zudem so angelegt, das Schwule ohne Gewalterfahrungen nicht dazu angeregt wurden, sich daran zu beteiligen. Fazit: Eine Repräsentativität war definitiv nicht gegeben. Zudem: 70% der Opfer wussten nichts zur TäterInnenherkunft zu sagen, oder hielten das nicht für bedeutsam. Ca. 10% machten anderen Angaben, über die die AutorInnen uns im Dunkeln lassen. Spannend ist auch, über welche Vorfälle eigentlich berichtet wird, was also mit „Gewalterfahrungen“ gemeint ist. Pöbelei (75% aller Fälle) wird mit Diebstahl(12,%) und tätlicher Gewalt(12,5%) praktisch gleichgesetzt, aus einer Fußnote erfährt mensch, dass 40% aller Gewalterfahrungen von SchülerInnen auf innerschuliche Gewalt zurückgeführt werden. Hieraus wäre es notwendig für Lehrpläne und Umgangsformen an Schulen Rückschlüsse zu ziehen und Antworten zu finden, die speziell diese schulischen Gewalterfahrungen beenden. Aber diese Schlüsse zieht Maneo nicht und leitet keine Handlungsaufforderungen ab, sondern verbleibt bei der einmal aufgefundenen und festzuschreibenden TäterInnengruppe.

Aber auch die Folgerungen von Maneo sind nicht besser: die nach den Skandalen in Bayern, Berlin und Thüringen – und entsprechenden entrüsteten (berechtigten!) Aufschreien aus der lesbisch-schwulen Öffentlichkeit – abgeschafften Anmerkungen über die sexuelle Orientierung in polizeilichen Unterlagen (Stichwort: „Rosa Listen“) sollen nach Maneos Auffassung wieder eingeführt werden. Homosexuelle sollen als Opfergruppe anerkannt und festgeschrieben werden! Die Schlussfolgerungen orientieren sich ausschließlich auf: mehr Polizei. Stattdessen wären eine vernünftige Antidiskriminierungspolitik, diskriminierungs- und stereotypenfreie Lehrpläne an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen etc. zuverlässigere Mittel, dauerhaft homophoben Diskriminierungen und Übergriffen entgegenzuwirken. Diskriminierung und Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und auf dieser Ebene muss ihnen begegnet werden! Mehr Polizei, mehr Überwachung bedeutet hingegen auch die Eingrenzung von bürgerlichen Freiheiten – Eingriffe die gerade, weil derzeit als „anders“ in der mehrheitlich heterosexuell-männlich ausgerichteten Gesellschaft wahrgenommen, gegen Lesben und Schwule losgehen werden.

Das Maneo gerne Statistiken „relativ frei auslegt“, ist kein neues Phänomen. Maneo, gefördert durch Mittel des Landes Berlin, Spenden und Bussgelder, gibt jährlich einen Bericht über die Tätigkeit des vergangen Jahres heraus. Mit Herausgabe des Berichtes 2003 wurde Maneo bereits einmal vorgeworfen statistische selbsterhobene Zahlen zu manipulieren um eine Überrepräsentanz an Tätern „nichtdeutscherHerkunft“ festzustellen. Vermutlich auf Druck der Berliner Senatsverwaltung musste Maneo diese Darstellung in den Folgejahren korrigieren.

Die kurzen Erläuterungen zeigen, dass Maneo aus aus soziologischer Sicht äußerst schwachen, schlecht erhobenen Daten, weitreichende Folgerungen ableitet. Menschen mit „Migrationshintergrund“ (von denen viele in ihrem Leben nicht einmal migriert sind, sondern in der BRD geboren und aufgewachsen sind) werden unter Generalverdacht gestellt. Nicht nur für diese Menschen ist ein so leichtfertiges rassistisches Spiel problematisch, sondern es werden auch Daten, Analysen und wirkungsvolle Maßnahmen be- und verhindert, die Diskriminierungen und gewalttätige Übergriffe gegenüber Lesben und Schwulen beenden könnten. Damit verfehlt Maneo das Ziel, weshalb es gefördert wird um Galaxienbreite.

Für ein eigenes, kritisches Lesen: die Studie ist unter www.maneo.de zu finden.

der Artikel ist von mir veröffentlicht in Ausgabe 10/11 2007 der Zeitschrift Rosige Zeiten Oldenburg

“Einigkeit und Recht und Freiheit” – Nationalismus in lesBiSchwulen Zusammenhängen

Veranstaltungshinweis:

:: 19. Mai, 19.30 Uhr, Kabale (Geißmarlandstr. 19) :: 22 Uhr female beats mit DJ Teena F., PopRiotCuisine und PinkyWinkyGir ::

Spätestens seit der vollständigen Abschaffung des §175 und der Einführung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft ist auch die lesBiSchwule Community dort angekommen, wo sie gerne hin wollte. Lesben und Schwule haben nun die Möglichkeit auch und vollkommen gute Staatsbürger* zu sein. Der eine kleine Makel ihrer Sexualität scheint ihnen von der Gesellschaft nachgesehen zu werden und erwächst nicht mehr zu einem Ausschlussgrund. Dem entgegen schließen Lesben und Schwule jetzt aus. ->weiterlesen ““Einigkeit und Recht und Freiheit” – Nationalismus in lesBiSchwulen Zusammenhängen” »

CSD Berlin 2006

“Verschiedenheit und Recht und Freiheit” so soll das Motto des diesjährigen CSD Berlin lauten. Ursprünglich war sogar Einigkeit und Recht und Freiheit als Motto angedacht. Die Korrektur des Mottos verschiebt jedoch nicht die grundsätzliche Kritik an einem Motto, welches sich bewusst an die deutsche Nationalhymne anlehnt. Mit dieser Wahl wird der Ansatz des Christopher Street Days, nämlich gegen staatliche Willkür und für eine Gleichstellung aller Menschen egal welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung oder Identitat oder welcher Ethnie einzutreten ins Gegenteil verkehrt. Mit der Anbiederung an die Nation als Objekt werden all diejenigen ausgegrenzt, die sich nicht in das Schema reich, weiss und Mitteleuropäer (und männlich) drängen lassen. Aus einer Demo wird damit auch institutionell eine Parade, politische Forderungen wären fehl am Platz.