Kutschera, “Lügenpresse”, Montagsmahnwachen, Rekrutierungsspiele

Linkschau vom 06.11.2015

Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera tut sich in den letzten Monaten immer wieder durch Traktate gegen „die Gender Ideologie“ hervor. Dabei nähert er sich nach und nach einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an, schreibt Publikative.org. Als Konsequenz setzen sie sich ausführlich nicht nur mit Kutschera auseinander, sondern beschreiben klar und einfach grundsätzliche Begriffe der Genderarbeit von gener Mainstreaming bis zur queer Theory. Schnell wird damit dsa mangelnde wissenschaftliche Fundaments von kutschera deutlich. Als dauerhafte Argumentationshilfe oder als Einstieg in die Debatte um Männerrechtler_innen sehr lesenswert und zu empfehlen.
http://publikative.org/2015/11/01/maennerfantasien-die-antigenderistische-ideologie-des-ulrich-kutschera/

Der Deutschlandfunk liefert einen spannenden Text zu “Lügenpresse”-Vorwürfen und anderen Leser_innenbriefen an die Redaktion. Offensichtlich macht mensch sich dort Gedanken und liefert Diskussionsmuster. In 7 Punkten werden klasische Argumentationen der “besorgten Bürger_innen” aufgegriffen und kommentiert. http://www.deutschlandfunk.de/aus-der-nachrichtenredaktion-die-sieben-todsuenden-der.1818.de.html?dram:article_id=335641

Mahnwachen für den Frieden: Ein rechtes Projekt auf den Trümmern linker Fundamente
Unter diesem Titel hat der DLF eine längeres Feature zum Aufkommen der Montagsmahnwachen und ihren Hintergründen abgeliefert. Die 45 Minuten sollten man sich unbedingt antun. https://www.youtube.com/watch?v=LLM2XaRTEgA bzw. http://www.deutschlandfunk.de/mahnwachen-fuer-den-frieden-ein-rechtes-projekt-auf-den.1247.de.html?dram%3Aarticle_id=333447

Die von der US-Army herausgegebene First-Person-Shooter-Reihe „America’s Army“ gilt als effektivsten Rekrutierungswerkzeug der Armee. Die Shooter sind kostenlos spielbar – und reine Propaganda. Als US-Soldat kämpft man gegen Terroristen, zwischen den Gefechten laufen Werbevideos der Armee. Doch nicht nur die US-Army nutzt Spiele zur Nachwuchswerbung. Auch die Bundeswehr hat bereits einige – kleinere – Rekrutierungsspiele veröffentlicht. Und sie profitiert von der ungefragten Darstellung in populären Spielen. Auf Games and Politics beschäftigt sich Michael Schulze von Glaßer mit dem Thema https://youtu.be/bNW0eK1BgsE

Montagsmahnwachen in Hannover – eine kleine Recherche

ich nehme die Montagsmahnwache beim Wort und informiere mich über sie nicht über klassische journalistische Medien, sondern da, wo sie sich zu Hause fühlt – im Internet. Anlass mal tiefer nachzuschauen sind drei Flyer der Montagsmahnwache Hannover, an die ich eher durch Zufall geraten bin.

Mit ihnen fange ich an. Es sind drei grundsätzlich verschiedene Flyer (Hochglanz, aufwändiger Druck), allen gemein ist, dass sie für den Facebookauftritt der Montagsmahnwache werben. Es gibt einen knallroten zu TTIP, einen Einfachen blauen mit dem Logo der hannoverschen Montagsdemo und ansonsten dem bundesweit identischen Text und einen Flyer in leuchtend gelb mit dem Titel “Warum unser Geldsystem nicht funktioniert”, welcher auch direkt auf Hannover bezogen scheint (direkter Verweis auf Ort und Logo am Ende des Textes). V.i.S.d.P. (Verantwortlich im Sinne des Presserechts) bei den Flyern sind allerdings ein Michael Behringer aus Berlin bzw. ein Cristian Seifert aus Eisenhüttenstadt. Das Internet gibt zu beiden nichts her, so dass auf Fakenamen zu schließen ist, allenfalls wird aus dem wenigen Suchergebnissen deutlich, das zumindest Behringer als V.i.S.d.P. für mehrere Städte auftritt. Hier scheint es also bundesweit einheitliche Flyer zu geben, die lediglich den Anschein erwecken, unabhängig und auf lokale Aktivitäten orientiert zu sein.

Ein Blick auf die Facebookseite könnte vielleicht mehr Klarheit bringen. Doch dort finden sich abseits von wenigen Links zu TTIP vor allem Verlinkungen zu Verschwörungsportalen wie n23.tv, die Rechtspopulisten wie Elsässer goutieren und (objektiv gesehen) alberne Verschwörungstheorien verteilen. Der Liebling ist dort, weil oft erwähnt und verlinkt, genau wie auf der Facebookseite, Lars Mährholz, also der Berliner Gründer der Montagsdemos mit nachgewiesenem Bezug zum rechten Rand (siehe hier) und dem Compact-Autor Ken Jebsen. Compact ist eine rechte, offen rassistisch und homophob agierende Postille.

Auf der Facebookseite verweisen zwei der letzten 20 Meldungen auf N23, zwei auf ähnliche Verschwörungsseiten und elf(!) auf die „Stimme Russlands“, einen staatlichen russischen Nachrichtenkanal. Nun mag es ja durchaus sein, dass auch Informationen aus russischer Sicht hilfreich sein könnten, aber in einer solchen Masse und aus nur einem und zudem staatlichen Medium? Aber auch die gefeuerte Tagesschausprecherin Eva Herrmann, die mit ihren rechtskonservativen Familienvorstellungen hausieren ging, fehlt auf der Seite nicht. Die Frage nach Frieden stellt sich auf der Seite nur ganz am Rande. Noch ein Blick auf den Flyer “Warum unser Geldsystem nicht funktioniert”. Er ist ein Nachdruck der rechten Verschwörungsseite sieleben.wordpress.com, und referiert ihren Stand von 2011. Er ist inhaltlich grober Unfug. Um das zu verstehen muss der_die Leser_in nicht BWL studiert haben, gesundes Nachdenken reicht vollkommen aus (hier und hier wird sich mit der Thematik beschäftigt).

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die Präsenz der Montagsdemo in Hannover lediglich eine lokale Filiale darstellt, die insbesondere mit starker Verbindung zur Montagsdemo Berlin und ihren Akteuren bestückt ist. Es werden ‚sexy‘ Themen aufgegriffen – u.a. Monsato, TTIP – und mit rechten Verschwörungstheorien vermischt. Dies zu ignorieren wäre fahrlässig. Es entsteht deutlich der Eindruck, dass mit den Montagsdemos (und ihren Werbemitteln) gezielt versucht wird, die Ängste einer internetaffinen Jugend aufzugreifen und an professionell gemachte rechte Verschwörungsseiten zu binden, um deren Ideologie zu verbreiten. Noch nie hatten diese Seiten eine so große Aufmerksamkeit, sie fristeten nur ein Schattendasein. Aufgabe der Friedensbewegung muss es sein, diesen rechten Querfront-Bestrebungen – also die Montagsdemos insgesamt – zu durchschauen und ihnen entgegenzutreten. Plurale, weltoffene Alternativen für Frieden und gegen Krieg gibt es nur gegen rechts! Das Potential dazu ist da.