Spitzensport in der Werbemaschinerie des Militärs – zum Umbau der Sportförderung in ein Propagandainstrument zur Soldatengewinnung

Wie jedes Jahr hat die Linksfraktion im Deutschen Bundestag eine Kleine Anfrage zur Werbung der Bundeswehr im zivilen Sport, insbesondere in publikumsrelevanten Mannschaftssportarten wie Fußball und Handball mit Zielgruppe Minderjähriger, gestellt. In den letzten Jahren wurden von der Bundeswehr ohne erkennbare Systematik insbesondere Fußballvereine mit Werbung gefördert. Herausragendes Beispiel ist Hannover 96; aber auch der HSV aus Hamburg, Hertha BSC und andere bekamen vom Militär Geld. Zentrales Ziel der Militärwerbung ist es dabei, Kinder und Jugendliche zu erreichen und das Zivile nach und nach zu militarisieren. So wurden selbst bestenfalls regional relevante Vereine, wie der Rostocker FC oder der FV Lörrach-Brombach, teils großzügig gefördert. Die Auswahl legt aber auch den Verdacht nahe, dass auch persönliche Bekanntschaften im Spiel sind und von Förderungen profitieren – ein Werbekonzept wurde in den vergangenen Jahren nicht sichtbar.

Das wird nun radikal anders. Die Bundeswehr hat, so die Antwort auf die Kleine Anfrage (Bundestags-Drucksache 18/9463, vom 23.8.2016) einen kompletten Schwenk in ihrer Werbepolitik vollzogen. Die Ursache hierfür liegt vor allem in einer, mit den olympischen Spielen von Rio de Janeiro begonnenen, Fokussierung auf Sportsoldat_innen. Aber auch potentiellem Ärger mit dem Bundesrechnungshof geht die Bundeswehr so ein Stück weit aus dem Weg. ->weiterlesen “Spitzensport in der Werbemaschinerie des Militärs – zum Umbau der Sportförderung in ein Propagandainstrument zur Soldatengewinnung” »

zivil-militärische “Zusammenarbeit” – das Militär meint es ernst

Seit Jahren schreibe ich hier im Blog über Beispiele der Ausnutzung ziviler, militärfremder Bereiche durch die Bundeswehr. Seien es Jobmessen, sei es der Fußball bei Hannover 96, dem Rostocker FC, dem Berliner AK07 oder im Kindergarten.

Sie nutzen international als neutral anerkannte Organisationen, wie das Deutsche Rote Kreuz.  Die Vereinnahmung ziviler humanitärer Hilfe erfolgt hier nicht nur verbal, sondern auch aktiv mit dem Konzept der „Zivil-Militärischen-Zusammenarbeit“. Das Militär stellt sich diese Zusammenarbeit so vor, dass bei einer Auslandsmission alle Akteure Teil einer hierarchisch integrierten Mission sind, auch wenn sich das bei gemeinsamen Übungen in der Praxis noch nicht als durchführbar erwiesen hat. Im Inland stellt man sich die „Zivil-Militärischen-Zusammenarbeit“ seitens des Militärs unter anderem als enge Kooperation im Personalwesen vor. So erklärt Dr. Johannes Backus vom Führungsstab des Sanitätsdienstes im Bundesministerium der Verteidigung, in der DRK-Zeitschrift „Humanitäres Völkerrecht“ (Ausgabe 1/2012, S. 11):  „Wir haben ein und denselben Personalkörper, an dem wir ein Interesse haben, und im Zeitalter der schwierigen demographischen Entwicklung in unserem Land müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir dieses Problem gelöst bekommen. Sie haben einen guten Zugang zu Jugendlichen, die bei ihnen ehrenamtlich in den Landesverbänden des DRK mitarbeiten; wenn wir gemeinsame Patenschaften aufbauen, lernen sie automatisch das System Bundeswehr kennen, nicht nur über die Schule oder aus Erzählungen, sondern auch mit tagtäglichem Erlebnisbezug. Die Bundeswehr kann diesen Personen später, wenn sie 18 Jahre und älter sind, eine fundierte Ausbildung bieten. Diese kann das Rote Kreuz nach einer bestimmten Zeit wiederum nutzen, wenn bei uns ihre Zeit als Zeitsoldaten zu Ende ist. Danach haben wir aber immer noch ein enormes Interesse an ihnen als Reservisten.“

Zusammengefasst, die zivilen Helfer_innen, deren Motivation beim DRK genau dem Gegenteil entsprechen dürfte was das Militär will, sollen als Personalreserve des Militärs dienen, und das DRK macht mit. (Quelle: bleibt-zivil.de).

Anderes Beispiel, über das ich hier schon mehrfach geschrieben habe: Über die konzeptionell und inhaltlich völlig veraltete Konstruktion des Sportsoldaten (und der Sportsoldatin) werden junge Sportler_innen ins Militär gepresst, wollen sie ihrem Leistungssport nachgehen. Der Preis ist die Karrierelosigkeit nach dem Sport, wie es die Sendung Streitkräfte und Strategien plastisch herausarbeitet (Skript als pdf) und das Eintreten für militärische Werte im eigentlich antimilitärische internationalen Wettstreit.

Dies wäre “nur” auf die Soldat_in direkt bezogen, indem die Bundeswehr pasend zu Olympia militärische Fähigkeiten und sportliche Fähigkeiten zusammenwirft und offensiv mit der Sportförderung für Militär wirbt, überschreitet sie mal wieder eine Grenze und nimmt sie Sportförderung aus dem Schattendasein. Mit dieser Werbung wird sie zwei Dinge erreichen: Der Frust der eigenen Soldat_innen wird wachsen, da bei ihnen die Sportförderung immer einen sehr schlechten Ruf hat und als ungerecht empfunden wird und es wird eine Debatte über die Spitzensportförderung geben, insbesondere, wenn in Rio de Janeiro, wie bereits in London 2012 die Medaillienträume weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Der DOSB wird sich – hoffentlich – intern die Frage gefallen lassen müssen, wie diese Kooperation mit der eigenen Satzung und dem eigenen Anspruch sich verwirklichen lässt. Unter militärfestspiele.de gibte s zum Themenkomplex weitere interessante Informationen.

Diese konkreten Beispiele zeigen, wie brachial die Bundeswehr inzwischen zivile Strukturen für militärische Zwecke, insbesondere in der Nachwuchswerbung zu nutzen versucht. Altersgrenzen und das Recht auf ein Leben ohne Militär spielen dabei keine Rolle mehr. Enthemmt – oder besser verzweifelt – begeht die Bundeswehr zivile Tabubrüche, sei es Werbung im Sport bei Kindern, sei es im Kindergarten, sei es bei Helfer_innen des DRK…

Nicht zu vergessen: Das sie keine Probleme haben, Kinder an Waffen (1, 2) spielen zu lassen, diesen zivilisatorischen Rückschritt haben sie auch schon bewiesen.

Nachtrag: Mir ist klar, das der Begriff der zivil-militärischen Zusammenarbeit weit weiter gefasst ist. ich habe mich hier auf die Nachwuchrekrutierung beschränkt, andere Themen wären beispielsweise dual use, zivile Forschung für Militär, die Arbeit des Zentrums für zivil-militärische Zusammenarbeit….

 

 

 

Bundeswehr bricht alle Grenzen – Kinder spielen mit Waffen

Eigentlich möchte man es ja nicht für möglich halten, aber das deutsche Militär schafft es immer wieder negativ zu überraschen. Nicht nur das sie eine unsinnige Propagandaschau genannt “Tag der Bundeswehr” abhält, wie beispielsweise in Bückeburg, die vor allem das Ziel hat Kinder und Jugendliche  zu beeindrucken und für den Beruf des Tötens zu begeistern (was gegen die Intention der Kinderrechtskonvention verstößt), mancherorts geht sie noch weiter. Beim Tag der Bundeswehr in Stetten durften Kinder sogar mit Waffen spielen, etwas was selbst die internen Richtlinien der Bundeswehr untersagen (hier konkrete weitere Informationen zum Vorfall).

Der nächste Schritt dürfte dann ein Probetraining für 15jährige in Afghanistan sein, oder?

Hier müssen dringen Konsequenzen gezogen werden. Werbung an Minderjährigen muss untersagt werden, der Tag der Bundeswehr gehört ersatzlos gestrichen.

An dieser Stelle weise ich auch gern auf die Kampagne www.unter18nie.de hin, die ein Werbeverbot für die Bundeswehr an Minderjährigen fordert, sei es duch Actioncamps, Werbung oder den Jugendoffizier an der Schule.