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Seit Jahren wirbt die Bundeswehr immer massiver an Schulen für Nachwuchs. Das geschieht mehr oder minder offen über die Einladung von Jugendoffizieren oder über Werbetrucks. Der Fliegerhorst Wunstorf – Heimat des Pannenfliegers A400M hat sich einen anderen Weg ausgedacht. Über das Wahlpflichtfach „Fliegen“ der örtlichen KGS sollten sich Schüler_innen über Ausbildung und Karriere bei der Luftwaffe informieren. Einer der dagegen protestiert ist Gerhard Biederbeck. Er ist seit 1982 in der lokalen Friedensarbeit aktiv, Autor einer „Konversionsstudie zum Fliegerhorst Wunstorf“ (1990) und Initiator eines  Bürgerantrags für einen „Handlungsrahmen für kommunale Friedensarbeit“ und Veranstalter zahlreicher Demos vor den Toren hiesiger militärischer Einrichtungen. Ich habe mit ihm gesprochen:

verqueert: Die Schüler der KGS haben im Rahmen eines Wahlpflichtfaches "Fliegen" den Fliegerhorst Wunstorf besucht. Wo siehst du hier das Problem?
Es geht nicht nur um das Projekt „Fliegen“, sondern es soll eine dauerhafte jährliche Zusammenarbeit zwischen BW und Schule für 13 -17 jährige Schüler aufgebaut werden mit dem Ziel Schüler für die BW zu rekrutieren. Die in diesem Alter leicht beeinflussbaren Schüler werden für BW –Interessen missbraucht, die diese Schüler letztlich in derzeitige Kriegsaktivitäten bei Auslandseinsätzen der BW führt.

verqueert: Nun ist die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Schulen keine neue Aktivität. Immer stärker wirbt die Bundeswehr und ignoriert die UN-Menschenrechtskonvention. Wie kommt es aber, das Schulen da mitmachen, insbesondere die KGS?
Die KGS hat das berechtigte Interesse, ihren Schülern einen guten Übergang in die Arbeitswelt zu vermitteln.Die BW macht da attraktive Angebote bezüglich der Ausbildungskosten  und der langfristige Sicherheit des Arbeitsplatzes, was angesichts der wachsenden befristeten Arbeitsverträge an Attraktivität gewinnt. Über pädagogische Zielsetzungen und die grundsätzliche Bedeutung der Schule in der Gesellschaft macht man sich keine Gedanken

verqueert: Wie kann Widerstand dagegen aussehen? Wer ist gefordert?
Wir sind in der ersten Stufe der Gegenöffentlichkeit: Die Vernetzung von BW und Schule als weiteren Schritt der Militarisierung der Zivilgesellschaft in der Presse offen zu legen, was schon nach ersten Erfolgen auf Verweigerung der Lokalpresse stößt. Ein zweiter Schritt ist die Organisation von Diskussionsveranstaltungen, um es zum Thema der hiesigen Gesellschaft werden zu lassen. Ansprechen von Schülern ist wichtig, damit diese selber an der Schule dagegen opponieren.
„Widerstand“ ist vielleicht ein zu großes Wort in diesem Bereich. Lehrer sollen ebenfalls für dieses Thema sensibilisiert werden. Ich habe den Fachkonferenzen Politik des hiesigen Gymnasiums und der KGS vorgeschlagen, dieses Thema auf die Tagesordnung zu setzen, und angeboten in die Konferenz zu kommen. (Am Gymnasium habe ich „Politik“ unterrichtet. Bisher gibt es von beiden Schulen keine Reaktion.

11.Juni 2016 - Tag der Bundeswehr – An 16 Bundeswehrstandorten lädt die Bundeswehr Gäste ein! Mit Bratwurst – Unterhaltungsprogramm – Flugvorführungen – etwas für die gesamte Familie! „Wir im Einsatz“?  ??- Wir sagen Nein!

Auch das Internationale Hubschrauberausbildungszentrum in Bückeburg öffnet am Samstag von 10 Uhr bis 17 Uhr seine Tore für die Öffentlichkeit.

Auf der Internetseite der BW heißt es u. a.:  „Auf dem Heeresflugplatz (…) haben Gäste die Möglichkeit, sich über aktuelle Entwicklungen der Bundeswehr und der Heeresfliegertruppe aus erster Hand zu informieren.“ Bei einem umfangreichen Programm kann Rostbratwurst geschmaust „oder einfach nur ein Ausflug mit Familie und Freunden“ gemacht werden.“  Die Kleinen und Großen werden sich von „der Baumaschine bis hin zum Panzer (über eine) Vielzahl an Waffen und Großgerät der Bundeswehr“ sicher freuen – ebenso über die „Leistungsfähigkeit der Hubschrauber“.
Und nicht zu vergessen: „Darüber hinaus können Besucher im Karrieredorf Ihre individuellen Möglichkeiten herausfinden.“
Also: ein spannender Familienausflug mit Karriereperspektive für die Sprösslinge wartet auf Gäste!

Aber was wird mit den Waffen und dem Großgerät der Bundewehr im Ernstfall gemacht? Sollte den Leuten, die sich die Show ansehen, nicht eigentlich die ‚Rostbratwurst‘ im Halse stecken bleiben?

Ausbildung zum Töten und Sterben ist kein Scherz! Und kein Familienabenteuer! Und eine Karriere bei der Bundeswehr ist nicht vergleichbar mit einer zivilen Tätigkeit z. B. für kranke Menschen.
Ausbildung an der Waffe impliziert den Einsatz der Waffe.  Der Einsatz in Kriegen, an denen auch die Bundeswehr wieder überall in der Welt beteiligt ist, kann den eigenen Tod und den Tod der ‚Feinde‘ bedeuten. Wer sind diese‘ Feinde‘? Leben unsere ‚Feinde‘ in Syrien, im Sudan, in Mali? Dort überall und noch in vielen anderen Ländern finden Bundeswehreinsätze statt.

Gerechtigkeit und Frieden sind das Gebot der Stunde! Militärische Einsätze, als ‚Friedenseinsätze‘ getarnt, bewirken das Gegenteil.
Mit dem Ziel, für einen ‚Frieden ohne Waffen‘ zu werben, werden Friedensbüro und DFG-VK  Hannover nach Bückeburg fahren. Kommt mit uns! Zeigen wir den Besucher_innen: Eine Welt ohne Kriege ist möglich!

ein Gastbeitrag von Dirk Dumke

Die Vertragsverlängerung mit dem Trainer und BW-Sponsoring stand ganz weit oben auf der Prioritätenskala des Verein
Das 120. Jubiläum mit Bundeswehrbeigeschmack beim Verbandsligisten Rostocker FC

Für die Anwerbung von Freiwilligen kann die Bundeswehr in diesem Jahr 35,3 Millionen Euro ausgeben, mehr als je zuvor. Das sind 5,3 Millionen Euro mehr als im letzten Jahr, da waren es noch knapp 30.000 Mio.€ und sogar dreimal so viel wie 2010. Damals gab es allerdings noch eine Wehrpflicht. Nach deren Wegfall benötigt die Bundeswehr jedes Jahr 25.000 neue Frauen und Männer.
Das die Bundeswehr nun auch verstärkt im Amateurfußball Präsenz zeigt hat Gründe. Schließlich finden sich hier Jugendliche, die sich für „Teamgeist, Kameradschaft und Einsatz“ begeistern lassen, so begründet die Armee ihren Einsatz dort. In den Kommandozentralen der Bundeswehr ist man sich da ganz sicher, Sommer- und Wintersportler in Uniform haben viel Edelmetall für die Bundeswehr gewonnen. Doch mit Triathleten und Biathleten allein lässt sich keine Freiwilligenarmee füllen. Aber mit fußballbegeistetern jungen Menschen schon. Die BW verkauft sich auch gerne als Event-und Marketingagentur, seit 2014 kümmert sich eine eigene Abteilung Jugendmarketing um Events. Dort sind sieben Mitarbeiter aus dem Kölner Bundesamt für Personalmanagement beschäftigt und die jährlichen Personalkosten belaufen sich auf 397.197 €.
Die im Kriegsgebiet drohenden Gefahren wie Verwundung, Tod, Traumatisierung oder das Töten von Menschen werden in der Kampagne nicht angesprochen.
Ob nun im Profisport oder im Amateursport spielt für die BW keine Rolle, es soll nach "betriebswirtschaftlichen Parametern" ausgewählt werden, aber tatsächlich initiiert eher ein Bundeswehrangehöriger die Kooperation vor Ort wie beim RFC.
Der Etat für Sportkooperationen mit Vereinen betrug im Jahre 2014 (420.000€), deutlich weniger als im Jahr 2013 (453.000 Euro), erheblich mehr aber als 2012 (253.000 Euro). Der Löwenanteil floss dabei für Reklame an Fußballvereine. ->weiterlesen “(K)ein Besonderer Tag beim Rostocker FC – Enge Sportkooperation mit der Bundeswehr mit umfassenden Folgen” »

Allseits bekannt ist, dass die Bundeswehr massiv über Sportfördergruppen Spitzensportler_innen fördert. Das geht inzwischen so weit, dass Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften mehrheitlich von Armeesportler_innen bestritten werden. Gezielt werden die Athletin_innen über mangelnde zivile Fördermöglichkeiten in die Bundeswehr getrieben und dienen dort als Aushängeschild.

Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um den bereits in den vergangenen Jahren in diesem Blog diskutierten Einsatz der Bundeswehr in Stadien zur Werbung für sich selbst. Dabei wird eine überwiegend junge begeisterungsfähige Menge angesprochen. Ziel ist weniger der konkrete „Werbekontakt“ – vielmehr soll die Bundeswehr als allgemeine normale und sympathische Arbeitgeberin präsentiert werden.

2013 hat die Bunderegierung auf eine Anfrage der Linken ihre Werbemaßnahmen für 2012 bekannt gegeben. Hier habe ich das auseinandergenommen.

Kurz zusammengefasst: 2012 erhielt Hertha BSC für umfangreiche Werberechte 127.000 EUR. Der Hamburger SV erhielt 71.400 EUR als Supplier des HSV. Diese Kooperation wurde damals beendet. Nach Angabe der Regierung damals wurden 2012 22.000 EUR und 2013 33.500 EUR für Hannover 96 ausgegeben. Zusätzlich erhielt der Berliner Fußball-Verband 24.000 EUR. Neben dem Sponsoring der großen Vereine wird insbesondere in kleine Vereine investiert um für den Beruf des Tötens werben. Für 2012 wurden 14 Vereine aufgeführt, gegenüber drei Vereinen 2010 und zwei Vereinen 2011. Neun Vereine waren für 2013 bereits benannt. Soweit so bekannt.

In der einer kleinen Anfrage hat die Linke nun die Zahlen für 2013 und 2014 befragt (DS 18/2325).

Die Zahlen sind erschreckend. 19 kleinere Mannschaften wurden 2013 gefördert, ein weiterer ist für 2014 angegeben. Mit Beginn der Saison werden sicher weitere hinzukommen.

Konkret sind das:

  • TSV Wolkersdorf
  • JGV Steigerwald
  • TSV Rudelzhausen
  • TSV Nördlingen
  • FC Donauwörth 08 e.V.
  • TSV 1960 Herbertshofen
  • TSV 1863 Schwabmünchen
  • JFG Höllental
  • SV Schalding-Heining
  • SpVgg SV Weiden e.V.
  • JFG Bayreuth West e.V.
  • Sportverein Puch e.V.
  • Sportverein Glienicke/ Nordbahn e.V.
  • SV Grün-Weiß Schwerin e.V.
  • SSV Neutz
  • VfB Zahna
  • TSV Havelse
  • FV Lörrach-Brombach
  • VFR Schneckenlohe (2014)

Heraussticht dabei der FV Lörrach-Brombach, welcher für umfangreiche Bewerbung 11.300 EUR jeweils für 2013 und 2014 erhält. Bei allen anderen wird für verschiedene Werbeformen angefangen bei Anzeigen im Vereinsmagazin bis zum Trikotsponsoring ein Betrag von NULL(!) EUR bis zu 5.000 EUR gezahlt. Gerade die in der Jugendarbeit verwurzelten kleinen Vereine missachten hier völlig ihre Verantwortung.

Aber auch im Fußball der höheren Ligen hat die Bundeswehr 2013 erheblich zugelegt.

So wird der Chemnitzer FC für Anzeigen mit 1.500 EUR für Anzeigen bedacht (2014 kommen zusätzlich 10.000 EUR hinzu) und erhält der Regionalligist Carl-Zeiss Jena 30.000 EUR für klassische Werbung (Banden, Spot, Anzeigen und ein Logo im VIP Bereich) – für 2014 sind bisher 40.000 EUR ausgegeben. Der Drittligist Holstein-Kiel erhielt für Werbung 34.500 EUR (2014: 34.500)

Auch in der zweiten Liga ging es weiter. Union Berlin bekam für den Titel „Eiserner Sponsor“ mit umfangreicher Werbung und Sponsorentreffen 2013 47.600 EUR (für 2014 sind 15.000 bisher zusätzlich ausgegeben), VfR Aalen erhielt 19.500 EUR und der Karlsruher SC 23.200 EUR. Bei beiden letztgenannten Vereinen finanzierte die Bundeswehr u.a. ein Trainingscamp. Ob die Profis über Stellwände klettern mussten und Schießübungen machten ist nicht bekannt. Bei beiden Vereinen sind Zahlungen in gleicher Höhe bisher für 2014 eingestellt.

Aber auch in der 1.Bundesliga ging es mächtig zur Sache. Der damalige Erstligist 1.FC Nürnberg erhielt 20.000 EUR u.a. für ein Trainingscamp für Schüler_innen, E-Mailaktionen, Inserate und das recht sich „Frankenstolz Partner“ nennen zu dürfen. Hier wurde offensiv um Kinder in Trainingscamps geworben – analog wie es die Militärs mit Anzeigen in der Jugendzeitschrift Bravo tun.

Von den aktuellen Erstligisten wurde Hannover 96 mit 65.500 EUR für ein umfangreiches Werbepaket gesponsert. Hier setzt sich eine langjährige Kooperation fort(siehe Links am Ende des Textes). Laut Neuer Presse sagte dazu der Kommunikationschef von Hannover 96 Alex Jacob "Die Bundeswehr ist seit Jahren ein verlässlicher und guter Partner des Vereins." 96-Präsident Martin Kind habe eine besondere Beziehung zur Bundeswehr. Man lade gelegentlich Soldaten zur Stadionführung ein und Kind sei bei der Bundeswehr auch schon als Vortragsredner aufgetreten. (Quelle).

In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken – im Gegensatz zu anderen Vereinen – nicht genannt wurde der Status der Kooperation. Die Bundeswehr ist „official Supplier“ der Roten.

Mit 65.500 EUR hat sich das Budget gegenüber 2012 verdreifacht. Eine Zahlung in gleicher Höhe ist bisher für 2014 angegeben. Prinzipiell gilt, dass die Werte sich noch erheblich nach oben ändern können, da das Denken in Kalenderjahren nicht dem in Fußballjahren entspricht. Alle gemachten Aussagen entsprechen dem Stand vom 7.August 2014.

Auch der Hamburger Sportverein ist entgegen der Aussageaus dem Jahre 2012 wieder im Boot. Zwar wurde das Budget halbiert. Aber mit immerhin noch 37.500 EUR finanziert die Bundeswehr in der Fastabstiegssaison beim selbsternannten Dino der Bundesliga die Werbung für die Ausbildung an den Mordwerkzeugen. Für 2014 sind noch keine Zahlen eingestellt.

Auffallend an den Antworten zur kleinen Anfrage ist auch die zunehmende Etablierung im Handball und im Motorsport. Das ist aber eine eigene Analyse wert und wird daher im Rahmen dieses Artikels nicht weiter verfolgt.

Bleibt die Frage: Was tun? Hannover – mit seiner zerstörten organisierten Fanszene und einem militärfreundlichen Präsidenten – ist natürlich ein ideales Experimentierfeld für die Werbestrategen der Bundeswehr. Bei nur zwei von 18 Bundeligisten traut sich die Bundeswehr so weit heraus. Ist sie jedoch langfristig in Hannover erfolgreich, wird das der Startschuss für eine Welle der Militarisierung im Sport sein. Bald wird sich dann nicht mehr die Frage stellen, ob die beworbene Zielgruppe wirklich alt genug ist zu verstehen, was es bedeutet – für dich selber und andere – Soldat_in zu sein. Militärische Lösungen werden zur unhinterfragbaren Kategorie. Die Frage müssen wir uns stellen. Wollen wir das wirklich?

Weiterführende Links

Militärwerbung in Stadien – die Zahlen
Der Schuss aufs Ziel – die Bundeswehr, das Schlachtfeld und die Fußball-Stadien
Die Einvernahme des Fußballs durch Militärs geht weiter
Fußball als Mittel der Militarisierung der Gesellschaft und Hannover 96 als deren Handlanger_in
PM von DFG-VK und Friedensbüro: Hannover 96 vereinnahmt Fans für die Bundeswehr

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