Militärwerbung in Stadien – die Zahlen

In mehreren Beiträgen habe ich mich mit der Bundeswehr in Fußballstadien beschäftigt. Auf Basis eines daraus entstandenen Artikels in der Zivilcourage hat die Linksfraktion im Deutschen Bundestag eine Kleine Anfrage gestellt. Die Antworten liegen jetzt vor (DS 17/14067) und es ist alles noch viel schlimmer als erwartet.

bw_mpWie berichtet war die Bundeswehr 2012 Partner von Hertha BSC. Für sieben Heimspiele durfte sie werben und als „Sponsor oft he Day“ fungieren. 127.000 EUR machte die Bundeswehr dafür locker.

Für den Hamburger Sportverein (Supplier in der Saison 2012/2013) wurden noch 71.400 EUR bezahlt um wie folgt zu werben:

  • „Recht auf Verwendung des Titels „Supplier des HSV“ zur Nutzung in der Eigenwerbung einschließlich Nutzung des Logos;
  • Bandenwerbung erste Bandenreihe bei jedem Heimspiel bis zehn Minuten vor Spielbeginn;
  • Audiovisuelle Darstellung auf den Videowänden in der Arena in Form von drei Spots zu je 30 Sekunden bei jedem Heimspiel (vor Spielbeginn, Halb- zeitpause, nach Spielende);
  • Präsenz auf den Videowänden mit den übrigen Suppliern als Gemeinschafts- logo;
  • 16 Eintrittskarten zur personalwerblichen Verlosung oder Einladung;
  • Anzeigen (ganzseitig) im Fanmagazin (zehn Ausgaben) HSV Life.“

Diese Kooperation wurde inzwischen beendet.

Bei Hannover 96 traf man – wie schon mehrfach berichtet – auf sehr offene Ohren. Für ein ähnliches Paket (nur mit Werbung in jeder Ausgabe der Stadionzeitschrift und zusätzlichen sogenannten „redaktionellen Beiträgen“) wurden für 2012 22.000EUR und 2013 33.500 EUR veranschlagt.bw_of_supp

Für die Kooperation mit dem Berliner Fußball-Verband – finanziert mit 24.000 EUR für die Jahre 2012-2014 – wurden der Bundeswehr ebenfalls umfangreiche Rechte eingeräumt.

„Im Rahmen der Kooperationsvereinbarung wurde der Bundeswehr das nicht ausschließliche Recht eingeräumt, den Titel „Förderer des Berliner Fußball-Verbandes e. V.“ für Unternehmenskommunikation und/oder werbliche Aktivitäten zu nutzen. Der BFV unterstützt die Kommunikationsziele der Bundeswehr in Form von Werbeleistungen durch Schaltung von verbandsinternen Printmedien, Präsentation als Förderer mit Verlinkung auf der BFV-Homepage sowie Integration in eine Mailing Aktion des BFV an Seine Vereine. Weiterhin ist die werbliche Präsentation bei Aktionstagen oder Veranstaltungen des BFV möglich.“

Soweit zu den bisher bekannten Fakten, die nun durch konkrete Zahlen bestätigt und untermauert sind.

Das ist aber nur die Spitze des Eisberges. Insbesondere in kleinen Vereinen finanziert die Bundeswehr die Vereine mit und darf dafür für den Beruf des Tötens werben.

Für 2012 werden 14 Vereine aufgeführt, gegenüber drei 2010 und zwei Vereinen 2011. Neun Vereine sind 2013 bereits benannt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass mit Beginn der neuen Spielsaison (die nach dem Datum der Anfrage lag) weitere Vereine hinzukommen. Zumindest für Hannover 96 ist die Fortführung der Kooperation bekannt (und in folgender Aufzählung noch nicht enthalten). Zudem wurde die bundesweite Schulliga mit 242.000 EUR gefördert (2010/11), sowie diverse kleinere Turniere mit Beträgen zwischen 150 und 11.000 EUR. In manchen Orten war die Präsenz auch kostenlos erwünscht.

Eine vollständige Aufzählung gibt es hier (Quelle: Drucksache 17/14067 – Förderung mit Stand Juni 2013)

2010:

  • Radsportfreunde Ahlen Sportgelände  357,00 EUR
  • ASV Hamm Sportgelände 17.850,00 EUR
  • HSG Kropp Sportgelände 500,00 EUR

2011:

  • BSV Gleidingen Sportgelände 1.700,00 EUR
  • VfB Straubing Sporthalle 124,95 EUR

2012:

  • TC Hofkirchen Tennisgelände 250,00 EUR
  • Uni Bayreuth Sporthalle 150,00 EUR
  • TSV Regen Sportgelände 3.855,60 EUR
  • Brose Baskets Bamberg Sporthalle 20.230,00 EUR
  • FC Ingolstadt Fußballstadion 13.685,00 EUR
  • SV Halbergmoos-Goldbach Sporthalle 2.713,20 EUR
  • TSV Nördlingen Sportgelände 1.115,63 EUR
  • TSV Schwabhausen Sportgelände 1.487,50 EUR
  • DEG Eishockey ISS Dome 550,00 EUR
  • Hertha BSC Berlin Olympiastadion 127.092,00 EUR
  • KSV Holstein Kiel Sportgelände 3.000,00 EUR
  • BSV Gleidingen Sportgelände 1.800,00 EUR
  • Hannover 96 AWD Arena 21.952,43 EUR
  • Hamburger SV Imtech-Stadion 71.400,00 EUR

2013:

  • Chemnitzer FC 1.500,00 EUR
  • FC Carl Zeiss Jena Ernst-Abbe-Sportfeld 30.000,00 EUR
  • Aschersleben Tigers BC e.V. Sporthalle “Ballhaus” 4.043,62 EUR
  • SC Magdeburg (SCM) GETEC-Arena 9.520,00 EUR
  • MBC (Mitteldeutscher Basketballclub) Stadthalle Weißenfels 6.545,00 EUR
  • Turnverein, Handball Cloppenburg Sporthalle 200,00 EUR
  • Hannover 96 AWD Arena 33.465,36 EUR
  • Sportverein Rot Weiß Visbek Sportgelände 400,00 EUR
  • KSV Holstein Kiel Holstein-Stadion 83,30 EUR

Unverblümt stellt die Bundeswehr in ihrer Antwort auf die Anfrage klar, das es rein um werbetechnische Aktionen ging – um die eigene Nachwuchswerbung. Ziel ist es – so die Bundeswehr „mit diesen Kommunikationsmaßnahmen die identifizierte Zielgruppe anzusprechen. Diese liegt, da zumeist in der Phase der Berufsorientierung, in der Altersspanne 17 bis 30 Jahre. Diese Altersgruppe kann, ebenso wie eine breite Öffentlichkeit, mittels Sportkooperationen und Werbung bei Sportveranstaltungen gut auf die Bundeswehr aufmerksam gemacht werden. Darüber hinaus ist es meist unmittelbar möglich, in ausführlichen Gesprächen über Chancen und Risiken des Soldatenberufes aufzuklären. Diese Aufmerksamkeit sowie den daran anschließenden persönlichen Dialog verspricht sich die Bundeswehr von Personalmarketing im sportlichen Umfeld“

Das die Rekrutierung von Minderjährigen gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstößt ficht die Militaristen offensichtlich nicht einmal ansatzweise mehr an. Anders sind die Unterstützung von Schulligen und die selbstbewusste Identifizierung der Zielgruppe ab 17(!) nicht zu erklären. So wird steuerfinanziert und entgegen anerkannter   Kinderrechte offensiv für den Beruf des Tötens geworben. Indem sich die Bundeswehr – teils martialisch, teils unter Vorspiegelung einer zivilen Karriere im Militärischen – als ganz normaler Arbeitgeber präsentiert, wird Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zum unhinterfragbaren Normalzustand definiert.

Weiterführende Links

Der Schuss aufs Ziel – die Bundeswehr, das Schlachtfeld und die Fußball-Stadien
Die Einvernahme des Fußballs durch Militärs geht weiter
Fußball als Mittel der Militarisierung der Gesellschaft und Hannover 96 als deren Handlanger_in
PM von DFG-VK und Friedensbüro: Hannover 96 vereinnahmt Fans für die Bundeswehr

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