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Homonationalismus und Militär

Die Jobmesse Sticks & Stones, begleitet von queer.de, feiert die Vereinnahmung von LSBTIQ durch das Militär.

Die sich selbst als Europas größte queere Job- und Karrieremesse bezeichnende Sticks & Stones lädt am 25. Mai nach Berlin ein.

Mit dabei ist wieder die Bundeswehr. Und nicht nur das: Außerhalb alphabetischer Reihenfolge ist sie gleich als zweitgrößter Aussteller präsentiert. Sie gibt wohl viel Geld? Die Vorzeige -Trans* Anastasia Biefang darf ausgerechnet auf der Marsha P. Johnson Stage einen Vortrag halten – wie aggressiv das gegen Marsha ist, sehr ihr am Ende des Beitrags. Wie diversityfreundlich doch die Bundeswehr ist. Really?

Die Deutsche Bundeswehr (ja genau dieselbe, die regelmäßig durch rechtsradikale Skandale und Netzwerke auffällt) präsentiert sich nach außen gern als offene tolerante Arbeitgeberin – und alle feiern mit. Die Jobmesse Sticks & Stones sowieso, aber auch queer.de sieht sich nicht bemüßigt, in einem journalistischen Artikel auch nur den Ansatz einer Infragestellung des Militärischen unterzubringen. Das hat Methode.  Klar ist, dass die Errungenschaften der Frauen-/Lesbenbewegung und der Schwulenbewegung mittlerweile in Herrschaftsstrategien integriert wurden. So wird die vermeintliche Durchsetzung von Homosexuellenrechten und Frauenrechten oft als Kriegsgrund angeführt – denken wir etwa an den Krieg gegen Afghanistan. Dabei geht es um ganz andere Interessen, was schon daran deutlich wird, dass zu den Verfechter_innen von Frauen- und Homosexuellenrechten in Afghanistan gerade Leute wie Horst Seehofer gehören, die sich in der Bundesrepublik Deutschland massiv gegen Homosexuellenrechte und selbst gegen die Gleichstellung der Frauen wenden. Genau wie Horst Seehofer setzt sich auch die Bundeswehr für die Rechte von LSBTIQ ein.

Queer.de - ganz staatstragend – will dazugehören und macht sich damit zum Mittäter einer zunehmend militaristischen deutschen Außenpolitik. Allerdings ist queer.de mit seiner unreflektierten Werbung für das Militär nicht allein, auch blu.fm feiert ganzseitig das Militär.

‚Emanzipation‘ gilt der Bundeswehr als Notwendigkeit für die Außendarstellung – und daher auch die Werbung unter Lesben und Schwulen. Gleichzeitig hat die Bundeswehr mittlerweile ein Problem: Obwohl sie immer mehr Geld investiert, um Soldat_innen zu werben, ist sie damit nicht erfolgreich. Bisher konnte sie nur einen Bruchteil der anvisierten Jugendlichen gewinnen, die sie rekrutieren wollte. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich gegen die Armee – junge Menschen leben lieber bunt als soldatisch. Weder ist bei jungen Leuten der soldatische Gehorsam attraktiv, noch die wenig einladende Aussicht auf jeden Fall in militärische Auslandseinsätze zu müssen. Die Bundeswehr will nun mit Verstoß gegen den Geist der UN-Kinderrechtskonvention und immer aggressiverer Werbung insbesondere unter Kindern und Jugendlichen ihrem Negativ-Image entgegenwirken. In Veranstaltungen wie Sticks & Stones und unreflektierte schwule medien wie queer.de und blu findet sie dafür Erfüllungsgehilfen, um sich das passende – nicht der Realität entsprechende – Image zu geben.

Denn: Das deutsche Militär stellt sich gern als ‚tolle Truppe‘ dar, weckt Technikbegeisterung und will gerade nicht alte Männlichkeitsrollen oder gar das Bild des ‚vergewaltigenden Soldaten‘ erfüllen. Dazu dienen Werbemaßnahmen, auch unter Schwulen, Lesben und Queers. Dass junge Menschen töten und sterben lernen sollen, dass sie eben nicht in einem ‚Arbeitsverhältnis‘ sind, sondern sich in einen restriktiven Vertrag begeben, aus dem kaum ein Entrinnen ist, wird von der Bundeswehr – und den schwulen Medien – nicht oder nur ganz randständig thematisiert. Aber warum geben sich lesbische und schwule Einrichtungen und Medien dafür her, für Militär zu werben? Die Aktivist_innen der Frauen-/Lesbenbewegung, der Schwulenbewegung – etwa die Kämpfer_innen in der Christopher Street, u.a. Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson – würden entsetzt sein! Nicht umsonst kämpfte die Vorkämpferin für lesbische und schwule Emanzipation Sylvia Rivera, die Marsha P. Johnson als ihre „große Schwester“ betrachtete, noch auf der Intensivstation kurz vor ihrem Tod gegen die Agenda der „Human Rights Campaign“, die sich aus Mitteln der US-Rüstungsindustrie finanzierte. (*) Es ist eine massive Gewalt gegen die Vorkämpferinnen lesbischer, schwuler und queerer Emanzipation, dass ein Vortrag zur Werbung für das Militär – für das Töten und Sterben! – nun sogar in einem Raum stattfindet, der nach Marsha P. Johnson benannt ist. Das ist Homonationalismus vom Feinsten. Sticks & Stones, Queer.de, blu – schämt euch! Alle anderen: protestiert gegen diese Form der Verächtlichmachung unserer Vorkämpferinnen!

Keine Militarisierung der Gesellschaft! Keine Werbung für das Militär!

(*) Für die ausführliche Beschreibung des Streitens in der Christopher Street und der Beteiligung von Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson siehe: Voß / Wolter (3. Aufl., 2018): Queer und (Anti-)Kapitalismus. Stuttgart: Schmetterling-Verlag. S. 28-35.

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