Hannover braucht ein zentrales Deserteursdenkmal zur öffentlichen Auseinandersetzung

(Text als flyer)
Hannover war einer der fünf größten Rüstungsproduzenten des Dritten Reiches und beherbergte zahlreiche Militäreinheiten. Hier wurden gehorsamsverweigernde Soldaten im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis am Waterlooplatz verurteilt, auf dem Schießplatz in Vahrenwald hingerichtet und auf dem Soldaten- und Garnisionsfriedhof Fössefeld begraben.
Noch hat Hannover ein Deserteursdenkmal. Während in anderen Städten über die Aufstellung neuer Orte der Erinnerung und Auseinandersetzung mit Desertion öffentlich gestritten und gerungen wird, werden in Hannover, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, gegenteilige Fakten geschaffen. Es droht die politische Auseinandersetzung mit Desertion aus dem Stadtbild zu verschwinden.
Das 1990 errichtete und aktuell vor dem Rathaus an den unbekannten Deserteur erinnernde Denkmal wurde mehr oder minder spontan im Rahmen einer Kriegsdienstverweigererinitiative erstellt und der Stadt als Schenkung übergeben. Es sollte noch bis 1995 dauern, bis die Stadt in einem Ratsbeschluss diese Schenkung annahm. Seitdem liegt das Denkmal, abgesehen von verschiedenen Gedenkfeiern, weitgehend unbeachtet am Rand des Trammplatzes. Es verfällt zunehmend und ist nach nunmehr 20 Jahren, auch aufgrund der verwendeten Baumaterialien, kaum noch als solches zu erkennen. Mit der Umgestaltung des Trammplatzes soll das Denkmal endgültig von diesem Ort verschwinden. Ein neuer Ort zur Aufstellung wird von Seiten der Stadtverwaltung nicht thematisiert.
2012 beschloss der städtische Kulturausschuss mit rot/grüner Mehrheit ,unterstützt von der LINKEN, eine Ausschreibung für ein Denkmal für den unbekannten Deserteur in Hannover: „Die Verwaltung wird beauftragt, die Neugestaltung eines Denkmals für den unbekannten Deserteur in das Rahmenkonzept zur Gedenk- und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover aufzunehmen. Die Auslobung eines entsprechenden Wettbewerbes ist vorzusehen.“
Die Stadtverwaltung unter der Kulturdezernentin Drevermann interpretierte den Beschluss allerdings sehr eigen. Sie legte im September 2012 dem Kulturausschuss ein Konzept vor, wie dem „Thema Deserteur in angemessener Weise entsprochen werden [kann]“ (Zitat Ausschussvorlage). Dieses Konzept sieht vor, eine Statue des kürzlich verstorbenen Hannoveraner Künstlers Hans-Jürgen Breuste aufzukaufen, diese in Zusammenarbeit mit seiner Witwe Almut Breuste umzuwidmen – es wurde nicht als Deserteursdenkmal geschaffen – und abseits der städtischen Öffentlichkeit auf dem Fössefeldfriedhof in Hannover-Linden aufzustellen. Dieses Kunstwerk, bestehend aus übereinander gestülpten überdimensionalen Trichtern solle die Aufschrift „Ungehorsam 1939-1945“ erhalten. Die Entscheidung über dieses Werk traf eine stadtinterne Künstler_innenkomission. Im Gegenzug zur Umsetzung dieses Konzeptes soll das alte, zentral am Rathaus gelegene, Denkmal entfernt werden.
Der Kulturausschuss hat die Vorlage der Dezernentin als Arbeitsgrundlage gebilligt, ein abschließender Beschluss wird noch im ersten Halbjahr erwartet. Mit dieser Entscheidung schlägt die Verwaltung gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Der Ankauf eines Breuste-Werkes , der unabhängig von dem Deserteursdenkmal ohnehin vorgesehen war, und die kostengünstige Abwicklung (!) des Deserteursthemas. Hinzu kommt, dass sie sich so nicht mit einer zusätzlich zu einem Denkmal notwendigen individuellen Gestaltung eines Trauerortes auf dem Fössefeldfriedhof auseinandersetzen muss.
Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen den Beschluss des Kulturausschusses vom Januar 2012 konterkariert, bringt es auch schwere inhaltliche Mängel mit sich. Das nun vorgesehene Denkmal bedeutet, nicht zuletzt mit der beschränkenden Widmung auf die NS-Zeit, einen inhaltlichen Rückschritt im Vergleich zum derzeitigen Denkmal. Es droht nun ein Denkmal zu entstehen, das allein dem Akt des Trauerns dient und keine städtische politische Auseinandersetzung mit dem Akt des Verweigerns anregt. Dass mit der Nichtnennung der Deserteure diese wieder einmal unter einer größeren Opfergruppe verschwinden, kommt hinzu. Außerdem wird sich das Denkmal dann auf einem sehr abgelegenen Ort befinden, der Menschen in Hannover kaum bekannt ist. Bundesweit befindet sich kein einziges Deserteursdenkmal auf einem Friedhof.
Mit ihrer Entscheidung – so sie denn nicht revidiert wird –, wird das Thema Desertion aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Die Opfer der NS-Militärjustiz werden so ein zweites Mal still und leise begraben.
2009 fand sich im Umfeld des Friedensbüros Hannover e.V. und der DFG-VK daher eine Initiative für ein Deserteursdenkmal zusammen und stellte die Forderung nach einer künstlerischen Ausschreibung und einer konzeptionellen Neugestaltung des Denkmals auf. Die Initiative ist unter denkmal@deserteure-hannover.de und unter www.deserteure-hannover.de erreichbar.

CC BY-NC-ND 4.0 Hannover braucht ein zentrales Deserteursdenkmal zur öffentlichen Auseinandersetzung von verqueert... ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 4.0 international.

2 thoughts on “Hannover braucht ein zentrales Deserteursdenkmal zur öffentlichen Auseinandersetzung

Comments are closed.