ein Deserteursdenkmal für Hannover – Ansätze für eine Debatte

Im ersten Teil wurde ausführlich über die Geschichte des vorhandenen hannoverschen Denkmals für den unbekannten Deserteur geschrieben. Aktuell ist es in einem bedauernswerten Zustand und einem angemessenen Gedenken unwürdig. Seit mehreren Jahren versucht daher eine Initiative für ein Deserteursdenkmal in Hannover, diesen Zustand zu ändern und eine öffentliche Debatte über ein Deserteursdenkmal herbeizuführen.

Im Januar 2012 kam endlich Bewegung in die Debatte.

Der Kulturausschuss der Stadt Hannover beschloss eine Ausschreibung für ein Denkmal für den unbekannten Deserteur in Hannover. Konkret wurde beschlossen: „Die Verwaltung wird beauftragt, die Neugestaltung eines Denkmals für den unbekannten Deserteur in das Rahmenkonzept zur Gedenk- und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover aufzunehmen. Die Auslobung eines entsprechenden Wettbewerbes ist vorzusehen.“

Die Verwaltung muss nun diesen Beschluss umzusetzen und wird voraussichtlich zum Ende der Sommerpause einen entsprechenden Vorschlag veröffentlichen. Grund genug, sich ein paar Gedanken zu einem solchen Projekt zu machen.

Die Frage nach der Notwendigkeit eines würdigen Gedenkens sollte sich – auch in Hannover – nicht mehr stellen. Hannover als einer der führenden Rüstungs- und Militärstandorte des Zweiten Weltkrieges hat eine besondere Verantwortung. Soldaten, die sich der militärischen Logik und damit auch dem verbrecherischen Angriffskrieg Hitlerdeutschlands entziehen wollten, wurden in Hannover verurteilt und hingerichtet. Für mindestens 15 Soldaten ist dies belegt.[1] Eine Auseinandersetzung fand bisher dazu in viel zu geringem Maße statt. Daher ist es zu begrüßen, dass die politischen Entscheidungsträger_innen im Kulturausschuss für einen Wettbewerb votierten, bewirkt er doch eine gesellschaftliche Auseinandersetzung und geht damit weit über ein bloßes Gedenken hinaus.

Denk-mal?

Im Rahmen der Konzeptionierung eines Denkmals muss die Frage gestellt werden, welchen Zweck will es erreichen? Will es sich darauf beschränken, derer zu gedenken, die (in Hannover) hingerichtet wurden und damit nur Substitut für Gräber sein, will es Gehorsamsverweigerern – auch den Unbekannten, den Entkommenen, den anonym Hingerichteten des Zweiten Weltkrieges gedenken oder will es die Frage nach dem Sinn von Krieg, nach Verweigerung von Soldaten allgemeiner stellen? Und vor allem: Will es die Frage nach dem Warum stellen? Warum entschieden sich Soldaten trotz Repression den gehorsam zu verweigern? Warum verhielten sich die Täter, wie sie sich verhielten? Und wer waren die Täter?

Klar ist, eine rein historische Betrachtung – ein rein mumifizierendes Gedenken – welches nicht die Frage nach Motiven und Rahmenbedingungen stellt, ergibt keinen Sinn und verhindert im Ergebnis aktives Gedenken. Aber auch eine pauschale Darstellung von Deserteuren als „Helden“ wird der Thematik nicht gerecht. Das Wissen um Gehorsamsverweigerung hat sich verändert. Die allgemeine Sicht des „Helden“ oder des „Feiglings“ ist weitgehend einer differenzierteren Betrachtung gewichen. Die Suche nach Motiven steht dabei erst am Anfang. Hier könnten Ideen und neue/zukunftsweisende Vorschläge ein weitergehendes Nachdenken ermöglichen. Ein Beispiel für ein in dieser Hinsicht sehr gut gelungenes Denkmal ist das Kölner Deserteursdenkmal, welches auf städtische Initiative errichtet wurde.

Meines Erachtens sollte ein Denkmal genau diese Intention aufgreifen, die Auseinandersetzung mit militärischer Logik, die individuelle Entscheidung, sich dem zu entziehen – wissend um die möglichen Folgen. Es geht also darum, die Individualität der Entscheidung innerhalb eines Machtgefüges und die innerliche Zerrissenheit des jeweiligen Deserteurs in eine Konzeption aufzunehmen.

Orte

Das aus einer Kriegsdienstverweigererinitiative heraus entstandene Deserteursdenkmal hat nach langem Ringen seine Platz auf dem Trammplatz – direkt gegenüber dem Symbol städtischer Politik, dem Rathaus gefunden. Historisch gesehen hat der Ort wenig Bedeutung in Bezug auf den Umgang mit Deserteuren. Andere Orte würden sich hier mehr anbieten;  die Emmich-Cambrai-Kaserne als Ort der Hinrichtungen,  der Fössefeldfriedhof, letzte Ruhestätte auch für hingerichtete Soldaten, der Waaterlooplatz, Ort diverser Divisionsgerichte und eines Wehrmachtgefängnisses.

Im Folgenden soll kurz auf die Orte eingegangen werden:

Die Emmich-Cambrai-Kaserne

Bereits ab 1850 entstanden in der Vahrenwalder Heide Exerzierplätze. Sie bildeten die Grundlage für umfangreiche Kasernenbauten, die ab 1915 vorgenommen wurden. Einzelne Kasernen bildeten ab 1933 die Emmich-Kaserne, parallel wurde ab 1913 die Cambrai-Kaserne als Fliegerkaserne gebaut. Zudem entstand an der heutigen Vahrenwalder Straße ab 1934 eine Kriegsschule. Aus diesem Komplex wurde später die Emmich-Cambrai-Kaserne. Sie beherbergt seit 1998 die zentrale Feldjägerschule der Bundeswehr.

Die Erschießungen fanden auf dem Schießplatz auf dem Kasernengelände statt. Strittig ist noch, ob die beiden äußeren Wälle der Schiessanlage (Quelle Oberst Meyncke anlässlich einer Ortsbesichtigung am 2.10.1990) oder der MG-Schießstand (Oberst Katz am 12.05.12 in der HAZ) zu Hinrichtungen genutzt wurde. Diese Frage ist zweitrangig, vor allem vor dem Hintergrund, dass durch die Bundeswehr im Rahmen von Umbaumaßnahmen keine historischen Bezugspunkte mehr vorhanden sind.
An oder auf dem Kasernengelände erinnert nichts an dieses Stück deutscher Geschichte.

Fössefeldfriedhof

Der 1868 eröffnete Garnisionsfriedhof wurde im Rahmen weiterer militärischer Bauten in Hannover etabliert. In 840 Gräbern sind Soldaten der seither stattgefundenen Kriege beerdigt, also beginnend ab dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Vereinzelt wurden auch danach noch Beerdigungen auf dem Gräberfeld durchgeführt. Einzelne Kriegsdenkmale auf dem Gelände geben dem Raum einen historischen Rahmen. Auf dem Gelände sind auch Gräber von solchen Soldaten vorhanden, die wegen Gehorsamsverweigerung hingerichtet wurden. Dies ist insofern etwas Besonderes, da vielfach wegen Desertion oder Wehrkraftzersetzung hingerichtete Soldaten abseits und unkenntlich bestattet wurden (auf jeden Fall waren Trauerbekundungen der Familien etwa in Zeitungen im Zweiten Weltkrieg nicht erlaubt).

Waterlooplatz

Der Waterlooplatz ist neben dem Welfengarten der zentrale militärisch historisch belastete Platz in Hannovers Zentrum. Als zentraler Exerzier- und Aufmarschplatz geplant, war er von Kasernen und anderen militärischen Objekten umsäumt. Besonderer Wert wurde dabei auf die Waterloosäule und die ihr innewohnende antifranzösische Haltung gelegt. So trug nicht nur der Platz mit den dazugehörigen Straßen den Namen „Am Waterlooplatz“, vielmehr wurden auch viele der davon abgehenden Straßen mit diesem Namen belegt (etwa die Straße, die heute zum Stadion führt).

Am Rande dieses Platzes befanden sich mehrere Divisionsgerichte sowie ein Wehrmachtsgefängnis, welches auch als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde. Unterlagen der Gerichte liegen nicht mehr vor. Sie gingen in den letzten Kriegstagen in Flammen auf.

Obwohl es dringend notwendig ist, dass auf dem Kasernengelände an die Deserteure, insbesondere auch unter dem Blickwinkel einer demokratischen Parlamentsarmee, gedacht wird, eignet sich das Gelände für solch ein Denkmal nicht, da es nicht frei zugänglich und aufgrund seiner dezentralen Lage auch nicht mehr in die Stadtentwicklung eingebunden ist.

Letzteres trifft auch auf den Fössefeldfriedhof zu. Eine Gedenktafel als Hinweis wird auf dem Friedhof benötigt. Mit seiner Lage außerhalb der inneren Stadt würde das Denkmal jedoch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden und zu einem rein regionalen Denkmal degradiert werden. Zudem – und das erscheint mir hier besonders wichtig – würde mit einem Denkmal auf dem Fössefeldfriedhof das Gedenken allein auf den Traueraspekt verengt. Als geschlossenes – sich im nichtöffentlichen Raum befindliches Grundstück (wie es jeder Friedhof ist) würde es zudem auch einer politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung entzogen. Es würde damit den Aufgaben, die ein Deserteursdenkmal erfüllen sollte und die oben kurz angeführt wurden, nicht gerecht werden.

Am sinnvollsten erscheint so der zentral gelegene Waterlooplatz mit seiner historisch belasteten problematischen militaristischen Bedeutung. Direkt auf dem Platz oder in seiner unmittelbaren Nähe – ggf. als Verlängerung der Kulturmeile – könnte ein Deserteursdenkmal den beschriebenen Aufgaben in vollem Umfang gerecht werden. Mit entsprechender Ausschreibung könnte der Platz so historisch ‚entmilitarisiert‘ und damit wieder Ansatzpunkt von Stadtentwicklung und Kunst im öffentlichen Raum werden. Denkbar wäre auch, eine bewusste Entscheidung gegen einen in dieser Hinsicht historisch belasteten Ort in Hannovers Zentrum zu treffen (so wäre  der Trammplatz eine mögliche und gute Alternative). Das würde aber neue Anforderungen an eine Denkmalsgestaltung stellen.

 

Nicht Bestandteil dieser Betrachtung kann eine Konzeption der Gestaltung des Denkmals sein, wie so ein Denkmal gestaltet sein soll. Interessant wäre es jedoch, sich von einem „Gedenkstein“ zu lösen, sondern auch über immaterielle oder indirekte Installationen nachzudenken. Das ist aber Aufgabe der Künstler_innen.

Wie inzwischen aus den Reihen der AG Kultur der Partei Bündnis 90/ Die Grünen verlautete, plant die Stadt den Ankauf einer Breuste-Statue und will diese als Deserteursdenkmal auf dem Fössefeldfriedhof aufstellen. Sollte sich das bestätigen, könnte damit die Stadtverwaltung mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Ankauf eines Werkes des kürzlich verstorbenen Künstlers und die kostengünstige Abwicklung (!) des Deserteursthemas, dazu die Nichtbefassung mit einer individuellen Gestaltung auf dem Fössefeldfriedhof und die Vermeidung einer vielleicht schmerzhaften Auseinandersetzung im städtischen Raum.

Wie Köln zeigt, bestand der große Gewinn des Deserteursdenkmal in der transparenten Öffentlichkeitsarbeit in der städtischen Diskussion um das Denkmal. Geschichte muss gelebt und ständig neu diskutiert werden. Mit der Entscheidung für ein alleiniges Gedenken auf dem Fössefeld-Friedhof würde genau das nicht funktionieren, sondern es würde ein Insiderdenkmal am Stadtrand Hannovers entstehen. Das öffentliche Gedenken an Deserteure wäre aus dem städtischen Gedächtnis wieder ausgeklammert.

Es reicht aber nicht, nur über den Ort zu verhandeln (wobei das das Dringlichste wäre), vielmehr muss in Stadt und Gesellschaft  über die eigene Geschichte diskutiert werden. Die derzeit heftigen Debatten in Hamburg, die zu einer offensiven Geschichtsaufarbeitung – auch der Betrachtung der Täter – führen, zeugen davon, wie produktiv ein solcher Prozess sein kann. Auch Hannover würde eine solche offene Debatte gut tun.

 

Ralf Buchterkirchen, 01.08.2012

Weiterführende Links:

NS-DOK Köln

Initiative für ein Deserteursdenkmal in Hannover

Feindbegünstigung – Deserteursinitiative in Hamburg

[1] Siehe dazu ausführlich in: Buchterkirchen, Ralf „…und wenn sie mich an die Wand stellen“, Neustadt 2011, S.61ff.

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