10 Jahre Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – Sekt oder Selters?

Fast genau 10 Jahre ist es her, dass die große Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) einführte. Hintergrund ist die am 2. Dezember 2000 in Brüssel beschlossene EU-Richtlinie 2000/78/EG. Sie forderte  ein Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf u.a. aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität; auch rassistische Diskriminierung sollte mit der Richtlinie bekämpft werden.

Schon damals gab es Kritik. Wirtschaftsverbände und CDU-Hardliner prophezeiten den Untergang des Abendlandes und warnten vor einer „unnötigen“ Bürokratisierung von Personalentscheidungen und -einstellungen. Von emanzipatorischer Seite wurden vor allem fehlende Verbandsklagerechte, mangelnde Schadenersatzregelungen und die Herausnahme von Kirchen und anderen Tendenzbetrieben aus den Antidiskriminierungsregeln bemängelt. 10 Jahre nach dem Inkrafttreten des AGG hat nun die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Christine Lüders, das Gesetz durch unabhängige Wissenschaftler_innen evaluieren lassen und ein Fazit gezogen.

Das Gesetz habe, so die Beauftragte der Bundesregierung zum Ziel, Benachteiligungen aus Gründen der „Rasse“ oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. Schwerpunkt sei der Schutz vor Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf, daneben sind im AGG aber auch Vorschriften zum Schutz vor Benachteiligung im Zivilrechtsverkehr verankert. Die Evaluation kommt zu den – aus emanzipatorischer Sicht wenig überraschenden – Ergebnissen:

Nur etwa 15.000 Betroffene hätten sich in den 10 Jahren an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt, ca. 1400 Gerichtsverfahren haben stattgefunden. Dabei hat eine Studie der Antidiskriminierungsstelle vom April ergeben (www-antidiskriminierungsstelle.de), dass allein in den letzten zwei Jahren jede_r Dritte (!) Diskriminierungen aufgrund von Alter, Religion, ethnischer Herkunft, Behinderung,  Geschlecht oder sexueller Orientierung erlebt habe. Obwohl so viele Diskriminierunge erlebt haben, kam es nur zu so wenigen Anzeigen.

Dieser Widerspruch lässt die Zahnlosigkeit des Gesetzes erahnen. Ohne wirksames Verbandsklagerecht bleibt Betroffenen nur der individuelle Weg einer Klage, die mit Kosten und Risiken behaftet ist. Durch die Herausnahme der Kirchen aus dem Gesetz haben allein 1,3 Millionen Beschäftige kirchlicher Betriebe kein wirksames Klagerecht, auch wenn sie nicht im Verkündungsdienst arbeiten, sondern Krankenpfleger_in, Aufbauhelfer_in  sind oder im Kindergarten arbeiten. Noch immer kann etwa ein_e Mitarbeiter_in in einem Krankenhaus eines kirchlichen Trägers entlassen werden, nur weil ihre_seine Homosexualität bekannt wird oder die Ehe der Person geschieden wird. Auch im Zivilrecht sind die Grenzen viel zu locker gesteckt: So darf der_die private Vermieter_in auch heute noch das lesbische Pärchen ablehnen.

Unabhängig von der konkreten praktischen Umsetzbarkeit des AGG ist der Grundansatz des Gesetzes problematisch, nur die individuelle Klage zu ermöglichen. Diskriminierung ist nicht strafrechtlich verboten, wie in Frankreich oder der Schweiz; selbst die Antidiskriminierungsstelle darf nur beraten, nicht helfen oder gar Bußgelder verteilen, wie in Schweden. Von Diskriminierung Betroffene sind allein auf sich gestellt.

Der Evaluationsbericht ist mit seinen Ergebnissen sehr deutlich und fordert unter anderem:

  • Eine Klarstellung von Begriffen, insbesondere von „Rasse“, und die Benennung von Diskriminierung als solcher (statt wie bisher von Benachteiligung zu sprechen).
  • Die Verbesserung des arbeitsrechtlichen Diskriminierungsschutzes, insbesondere in der Leiharbeit und im Verhältnis Arbeitgeber_in, Arbeitnehmer_in, Kund_in/Kolleg_in.
  • Die Erweiterung des Schutzes vor sexualisierter Belästigung vom Arbeitsleben auf alle Lebensbereiche.
  • Die Begrenzung der Kirchenklausel (Klausel für Tendenzbetriebe) auf den verkündungsnahen Bereich.
  • Die Erweiterung des Schutzes vor Diskriminierungen wegen der Weltanschauung auf das Zivilrecht. Das solle insbesondere für den Wohnungsmarkt gelten – hier wird vor allem ein Schutz vor rassistischer Diskriminierung gefordert.
  • Die Stärkung von Beschwerderechten durch Fristverlängerung und die Aufhebung der Beschränkung auf Schadensersatz. (So könnte nicht nur Schadenersatz, sondern eine direkte Entschädigung möglich werden oder etwa ein Arbeitsvertrag, sofern Diskriminierung nach AGG vorlag, dennoch zustande kommen.
  • Die Beweislasterleichterung (von emanzipatorischer Seite wurde vor 10 Jahren eine Beweislastumkehr gefordert, umgesetzt wurde nur die magere grüne Variante der „Beweislastverschiebung“) und ein Verbandsklagerecht.
  • Die Stärkung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bis hin zu eigenem Klagerecht.

Die Antidiskriminierungbeauftragte des Bundes, Christine Lüders, übernimmt leider nur einen Teil der Forderungen der Wissenschaftler_innen und fordert als Ergebnis der Evaluation insbesondere eine Verlängerung der Fristen für die Klagemöglichkeit auf mindestens sechs Monate, ein Verbandsklagerecht, besseren arbeitsrechtlichen Schutz und einen besseren Schutz vor sexueller Belästigung. Es solle aus ihrer Sicht einfacher werden, gegen Diskriminierungen vorzugehen. Die grundsätzlichen Konstruktionsfehler des Gesetzes will sie jedoch nicht angehen. Jedoch reichen schon diese recht sparsamen Vorschläge aus, das Arbeitgeberlager auf die Palme zu bringen. Auch in der CDU werden sich wohl kaum Mehrheiten finden, wenigstens die dringendsten notwendigen Anpassungen vorzunehmen. In dieses Bild passt es dann auch, dass die Regierung Merkel seit Jahren weitergehende Antidiskriminierungsregeln auf europäischer Ebene verhindert.

Organtransplantation: Homosexuelle als ‚B-Ware‘

von Heinz-Jürgen Voß (zuerst erschienen in Rosige Zeiten, Oldenburg)

Die Entscheidung, im Todesfall Organe zu ‚spenden‘, ist ohnehin schwierig. Auch Angehörige, die in der entsprechenden Situation des ‚Hirntods‘ eines nahen Menschen sich zur Frage der Organentnahme äußern sollen, sind in einer psychisch angespannten Situation. Problematisch ist es, wenn dann auch noch Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung hinzukommt.

Problemaufriss

In Bezug auf die Bluttransfusion ist problematisiert, dass Schwule in Deutschland – anders als etwa in Italien – von der Blutspende ausgeschlossen sind. Schwule werden in der Bundesrepublik Deutschland zusammenaddiert, als ‚Risikogruppe‘ betrachtete und sind per se nicht zur Blutspende zugelassen. Das geschieht durchaus – und erfreulich – ‚ohne Erfolg‘. So zeigte Anja Preuss in ihrer wegweisenden Arbeit Zum Ausschluss schwuler Männer von der Blutspende unter anderem: „Die überwiegende Mehrheit schwuler Männer ließ und lässt sich nicht vom Blutspenden abhalten. Vielmehr entscheiden sie sich vor dem Hintergrund des Ausschlusskriteriums selbstbestimmt für oder gegen eine Blutspende – entgegen der Intention des Gesetzgebers.“ (Ein knapper und guter Übersichtsartikel zu Schwul und Blutspende findet sich hier: http://forum-recht-online.de/wp/wp-content/uploads/2012/04/FoR1101_024_waldschuetz.pdf .) ->weiterlesen “Organtransplantation: Homosexuelle als ‚B-Ware‘” »

Sprache schafft Realität – Diskriminierungsfreie Sprache in der Friedensbewegung als notwendige Aufgabe

Nicht erst seit Einführung des Binnen-I wird heftig über den Nutzen diskriminierungsfreier und geschlechtergerechter Sprache gestritten. Den Sprachfluss störend, „unnütz“ oder „das sei schon immer so gewesen und warum sollte man jetzt die Sprache ändern“ sind beliebte Argumente, um sich den Erläuterungen der Befürworter_innen diskriminierungsfreier und geschlechtergerechter Sprache zu entziehen. Der folgende Beitrag führt in das Thema ein. Er skizziert die Bedeutung von Sprache für emanzipatorische Politik, zeigt aber auch, dass Sprache und ihre emanzipatorische Verwendung wichtig sind, aber nur ein Bestandteil sein können, um sich gegen Herrschaftsverhältnisse zu wenden.

 

Ein- und Ausschlüsse durch Sprache – ein erster Zugang: Sprache ist nie nur reine wertneutrale Kommunikation. Sprache ist konkrete Handlung. Sie legt Wirklichkeiten fest. So reden „wir“ über Personen, wenn „wir“ uns auf sie beziehen als „der Asiate“ oder „der Russe“, würden aber nie auf die Idee kommen, einen Mitarbeiter als „der Europäer“ oder „der Deutsche“ zu bezeichnen. Europäisch und deutsch wird damit sprachlich zur Norm. Wird keine Extra- Bezeichnung gewählt, gehen „wir“ wie selbstverständlich davon aus, es mit einem Weißen, Mehrheitsdeutschen zu tun zu haben. Damit wird alles, was nicht diesem Bild entspricht, beiläufig ausgeschlossen. Sprache ist Macht, sie produziert Einschlüsse und Ausschlüsse, sie ist ein Mittel der Politik, – neben rassistischen Gesetzen, neben den die Gesellschaft strukturierenden Herrschaftsverhältnissen. Es macht eben etwas mit Schwarzen Menschen, wenn Mehrheitsdeutsche – und selbst sich als „links“ bezeichnende Mehrheitsdeutsche – kolonial geprägte Begriffe quasi als Selbstverständlichkeit verwenden, sie seien „ja nicht diskreditierend gemeint“. Mit Schwarzen Kindern, die stets mit exotisierenden, beleidigenden, kolonialen Zuschreibungen belegt werden – in Kinderbüchern und von den (teils linken) Eltern der Freund_innen –, macht diese stete Fremdbezeichnung, dieser Ausschluss selbstverständlich etwas. Mit Erwachsenen auch. Von daher sollte die schlichte Faulheit, mit der sich einige – selbst linke – Mehrheitsdeutsche der Debatte verweigern, klar als Teil des Problems wahrgenommen werden: Die Selbstverständlichkeit, mit der einige andere bezeichnen wollen und ihnen die Mitsprache bei der weiteren Sprachentwicklung absprechen, zeigt Ignoranz und völkischen Nationalismus. Insofern macht Sprache selbstverständlich auch nicht nur etwas mit den diskriminierend Fremdbezeichneten. Vielmehr strukturiert sie auch das Leben von weißen Menschen, von Mehrheitsdeutschen. Auch das Streiten gegen Rassismus geschieht von ihrer Seite aus nicht einfach für andere – „betroffene“ – Menschen, sondern Mehrheitsdeutsche arbeiten insbesondere für sich selbst daran, in einer besseren Gesellschaft zu leben – ohne Rassismus und Menschenhass.

Auch das gängige geschlechtliche Sprechen schließt aus, auf andere Weise. Die deutsche Sprache ist männlich geprägt. In den stets allgemein-männlichen Berufs- und Statusbezeichnungen zeigen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen selbst die privilegierten (weißen, bürgerlichen) Frauen von den einflussreichen und prestigeträchtigen Positionen in der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten und zeitweise ausgeschlossen waren. Frauen sollten in der bürgerlichen Gesellschaft nicht „Politiker“ sein, nicht „Wissenschaftler“, nicht „Unternehmer“. Und auch in der Friedensbewegung mussten (meist) Frauen dafür streiten, auch genannt zu werden. Das gelang selten. Der „Aktivist“ hält die Friedensfahne. Die „Ostermarschierer“ sind unterwegs. Und das führt sogar zu Geschichtsbüchern, in denen dann Frauen gar nicht mehr als Streitende für Frieden erwähnt sind – die erst übergreifend gemeinte männliche Bezeichnung (Frauen seien ja auch gemeint), vernebelt zunächst nur die Situation, führt dann aber dazu, dass immer nur von „Hans“ oder „Herbert“ als wichtigen Friedensaktivisten die Rede ist, nicht von Frauen – und auch nicht von Menschen, die nicht mehrheitsdeutsch sind.

Ein kleines Experiment. Stellen wir uns das Wort „Ostermarschierer“ vor. Was ist unsere erste Assoziation? Richtig, in der Regel denken wir zuerst an einen Haufen Männer mit Pace- und DFG-VK-Fahnen mit einem Mann am Rednerpult. Frauen kommen erst in der zweiten Assoziationskette vor, sobald das Bild verstetigt und mit konkretem Erleben verbunden wird. Das heißt: Frauen verschwinden buchstäblich aus „unserem“ Gedächtnis, wenn sie nicht extra mitgesagt sind. Das funktioniert für alle Begriffe, sei es der „Sänger der Rockband“, „die Ärzte“, „der Verweigerer“. Wenn wir uns mit Sprachhandeln und Diskriminierung beschäftigen, wird uns sehr schnell deutlich, wie sprachlich hergestellte Vorstellungen und Handlungen durch Normen und Machtverhältnisse geprägt sind und wie diese wiederum durch Sprachhandeln reproduziert werden. Das hat Methode. Über Jahrhunderte hinweg hat sich Sprache entwickelt. Und sie entwickelt sich weiter. Worte verschwinden – neue kommen hinzu, das Gleiche gilt für Redewendungen. Gesellschaftliche Veränderungen zeichnen sich verzögert in Sprache ab.

 

Geschlechterhierarchie und Rassismus, Reflexion in der Friedensbewegung

Die politische Friedensbewegung fragt nach Ursachen für Kriege und Gewalt. Diese Fragen lassen sich nicht ohne Berücksichtigung von Geschlecht als Diskriminierungsursache stellen. Frauen sind von Kriegen oft ganz anders betroffen als Männer. Das muss auch so benannt und gedacht werden. Wenn von den Syrern gesprochen wird oder den Israelis, den Palästinensern (siehe Experiment oben), dann fallen Frauen wieder raus, werden bestenfalls als Objekt mitgedacht, aber nicht als eigenständig handelnde Subjekte. Würden sie mitgedacht und gesprochen, entstünden explizit neue Fragen. Diese Aufgabe kann aber nicht an den Wenigen – vor allem Frauen – hängen bleiben, die sich als Schwerpunktthema mit der Situation von Frauen beschäftigen. Geschlecht ist kein Sonderthema, das Frauen betrifft, vielmehr leisten derzeit insbesondere Frauen bezüglich Geschlecht die Arbeit, die auch von den Männern gleichermaßen geleistet werden müsste. Geschlecht muss Bestandteil jeder Analyse werden. Nur so kommen wir auch zu neuen und besseren Antworten.

Eine zweite Ebene ist die Frage nach Adressat_innen politischer Arbeit, seien es Aufsätze oder Flugblätter, die ZivilCourage, Facebook-Einträge oder Youtube-Videos. Wen wollen wir erreichen? Wie wollen die Adressat_innen benannt werden? Wie möchte ich angesprochen werden?

Das verlangt, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und auch, wie andere diese Privilegien nicht haben. Mit Privilegien sind dabei Dinge gemeint, die in der Gesellschaft meist unbenannt bevorzugt werden. Männlich, weiß und bürgerlich zu sein, ist eine gute Ausgangsbasis dafür, um tatsächlich alle Möglichkeiten in der Gesellschaft zu haben. Wer davon abweicht, wird oft weitgehend von beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten ausgeschlossen. Das betrifft etwa oft männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, die wesentlich schlechtere Möglichkeiten haben, einen adäquaten Ausbildungsplatz zu finden, eine Wohnung anzumieten etc. als ihre mehrheitsdeutschen Kollegen.

Für die Privilegien kann eine Person erst einmal nichts, aber es geht darum, dass sie reflektiert werden müssen. Und eigene Privilegien in den Blick zu bekommen, ist schwer – insofern ist die Reflexionsarbeit zu allererst eine Beschäftigung mit sich selbst, die aber mittlerweile durch hervorragende Vorarbeiten zum Beispiel aus der Schwarzen deutschen Frauenbewegung erheblich erleichtert werden.

Es geht also um Zuhören und Lesen. Empfehlenswert ist etwa „Deutschland schwarz weiß“ von Noah Sow, das ist der wichtige Auftaktband der Schwarzen deutschen Frauenbewegung „Farbe bekennen“, und äußerst lesenswert sind auch die Bücher zum deutschen Kolonialismus „Schwarze Frau – weiße Herrin“ und „Komplizinnen“ von Martha Mamozai.

Dabei wird auch deutlich, welche Bedeutung Sprache hat. Peggy Piesche, die Herausgeberin des Bandes „Euer Schweigen schützt euch nicht“, schreibt in ihrer Einführung: „Ein kollektives Trauma in Sprache zu fassen, heißt nämlich vor allem, es zu überwinden. Denn Trauma definiert sich auch und vor allem über die Abwesenheit von Sprache. Mit Sprache eine normative Erinnerungskultur anzufechten und ihr etwas Fundamentales entgegenzusetzen, was deren Nationalverständnis zutiefst erschüttert, ist, was wir in den Zeugnissen der Schwarzen Frauenbewegung wieder finden können.“ (S. 12, Piesche)

Und Piesche erläutert auch, warum Schwarz auch als Adjektiv großzuschreiben ist: „Die Großschreibung von Schwarz verweist auf die Strategie der Selbstermächtigung und zeigt das symbolische Kapital des Widerstandes gegen Rassismus an, welches rassistisch markierte Menschen und Kollektive sich gemeinsam erkämpft haben.“ (S. 7, Piesche)

Die Personen, die diskriminiert werden, die von Ausgrenzung und Gewalt betroffen sind, arbeiten daran, die Erfahrungen überhaupt in Sprache zu fassen. Viele Begriffe im Deutschen sind kolonialistisch und rassistisch geprägt – insofern bedeutet Sprache auch, dass eine emanzipatorische Gesellschaft überhaupt entstehen kann. Inhaltlich haben das doch weite Teile der Friedensbewegung lange erkannt und streiten beispielsweise gegen Straßennamen, die auf (deutsche) Kolonialkriege verweisen. Warum ist die Reflexion nicht beim „Kolonialkrieg in der Sprache“ genauso vorhanden?

Was sind Privilegien weißer, mehrheitsdeutscher Personen? Beispiele:

Polizeikontrollen in Bahnhöfen aufgrund des Aussehens – aufgrund des Weißseins ist die Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, geringer.

Ständiges Gefühl, als Bedrohung angesehen zu werden wegen des Tragens von Kleidung, die von anderen als islamisch angesehen wird – als westlich und weiß wahrgenommen, ist man dieser Schikane nicht ausgesetzt.

Warum ist die Reinigungskraft im Hotel meist eine Schwarze Frau? Und warum werden Lehrerinnen mit Kopftuch argwöhnisch betrachtet? Koray Yılmaz-Günay dazu klar im Interview mit der Tageszeitung „Junge Welt“: „Wenn eine Reinigungskraft mit Kopftuch noch nie Anstoß erregt hat, dafür aber buchstäblich jede Kopftuchträgerin, die Lehrerin werden wollte, dann müssen wir in der Analyse Sexismus, Rassismus und Klassenverhältnisse zusammendenken.“ (Ausgabe vom 9.3.2013)

Warum wird bei Frauen in der Öffentlichkeit das Äußere überproportional diskutiert? Warum wird etwa diskutiert, wenn Angela Merkel zweimal denselben Hosenanzug trägt? Bei der Auseinandersetzung mit Helmut Kohl und Gerhard Schröder spielte der Anzug und seine mehrfache Verwendung keine Rolle. Männer werden über Handlungen als Subjekt wahrgenommen, Frauen immer erst einmal als Objekt.

Diese Reflexion muss sich im Sprachhandeln wiederfinden. Kann ich bewusst Beispiele verwenden, die die Normierung sichtbar machen, Ausschlüsse in die Diskussion bringen und erneute Diskriminierung vermeiden? Auch hier hilft zu allererst Lesen – noch einmal sei empfohlen „Deutschland schwarz weiß“ von Noah Sow.

Nicht ganz unwichtig – und wohl am Emotionalsten besetzt: Sprache verändert sich nicht nur, sie wird auch aktiv verändert. Durch im Folgenden vorgeschlagene Schreibweisen stockt der Textfluss, stellt sich die Frage nach dem Warum, denn es stört liebgewonnene nie hinterfragte Selbstverständlichkeiten. Das gilt für die Frage nach der Bedeutung für Geschlecht ebenso wie für die Frage nach Frieden. Entmilitarisierte Sprache wird in der Friedensbewegung sicher nicht abgelehnt, wenn auch ungenügend praktiziert. Wir versuchen aber, gezielt Sprache zu ändern. Das gleiche muss allgemein für Sprachhandeln gelten. Verwenden „wir“ weiter nicht diskriminierungsfreie Sprache, setzen wir diese Normen und Machtverhältnisse fort. Wir reproduzieren und stärken diese.

 

Vorschläge für eine geschlechtergerechte Sprache

Nun zu einigen konkreten Vorschlägen geschlechtergerechter Sprache, da sie häufig zum Stolpern führt bzw. zuweilen nicht klar ist, warum etwa von „Friedensaktivist_innen“ gesprochen wird.

Vier Strategien geschlechtergerechter Sprache möchte ich vorschlagen, die relativ weit verbreitet sind und relativ niedrigschwellige und leicht umsetzbare Angebote für die Friedensbewegung darstellen.

Die Vermeidungsstrategie: Hier ist es Ziel, vergeschlechtlichende Begriffe zu vermeiden, indem auf neutrale Formen ausgewichen wird. Weit verbreitet sind sogenannte Partizipialformen, die scheinbar geschlechtsneutral sind. „Protestierende“ statt Protestierer bzw. Protestiererin. Diese Form ist nur mäßig geeignet, denn – mal ehrlich, siehe Experiment oben – welches Bild taucht im Kopf auf?

Einfachste und gebräuchlichste Strategie gerade in gesprochener Sprache ist die Zwei-Genderung. Hier werden weibliche und männliche Form nebeneinander gestellt („Soldatinnen und Soldaten“). Diese Strategie stößt jedoch an Grenzen wenn das Geschlecht der Beschriebenen oder Angesprochenen unklar ist bzw. bewusst auch Menschen mit „untypischem“ Geschlecht nicht ausgeschlossen werden sollen.

Prominent ist auch die Verwendung des Binnen-I (Anm. d. Red: Der Regelfall in der ZivilCourage): „Die SoldatInnen schossen auf alles, was sich bewegte.“ Es wird die weibliche Form verwendet, nur wird das „I“ der weiblichen Form als Großbuchstabe geschrieben, bei Pronomen wird der letzte Buchstabe groß geschrieben (diE, einE). Diese Form wird – wie die vorherige – verwendet, wenn Zwei-Genderung als nicht hinterfragbare Norm vorgesehen ist. Sie ist weitgehend akzeptiert, schafft aber durch ihre ausschließliche zweigeschlechtliche Norm neue Ausschlüsse.

Besser geeignet und besser lesbar ist dagegen der von mir favorisierte statische Unterstrich, bzw. die Sternchen-Form: „Die Friedensaktivist_innen dankten der Oberbürgermeisterin für ihr Engagement und forderten sie auf alle Bürger_innen aufzuforden, Wehrdienste zu verweigern.“ Diese Form – auch Gender-Gap genannt – erlaubt es, kritisch auf Zweigeschlechtlichkeit Bezug zu nehmen. Der Unterstrich verweist dabei auf vielfältige und individuelle Geschlechtlichkeiten – jeder Mensch soll eingeschlossen sein und nicht etwa schon durch die Sprache ausgeschlossen werden. Ein Stern anstelle des Unterstriches verdeutlicht zusätzlich eine potenzielle Vielfalt, die Trans* explizit mit einschließt. Bei Substantiven wird der Unterstrich bzw. der Stern zwischen der männlichen und weiblichen Form eingefügt. Bei Pronomen wird bei Varianten durch das Trennzeichen getrennt (der_die bzw. der*die). Diese Form ist recht einfach – einfach ausprobieren. Ziel sollte es sein, Ausgrenzungen vermeiden zu wollen.

Dieser Beitrag soll einen Eindruck von der Notwendigkeit diskriminierungsfreier Sprache vermitteln. Wichtig ist das eigene Hinterfragen der privilegierten Position und der Versuch, Abhilfe zu schaffen. Auch über Sprache/Sprachbilder drückt sich Handeln aus und wird Realität geschaffen. Wenn die Ursachen hinterfragt werden wollen, geht das nur, wenn diese auch benannt und gedacht werden.

P.S.: Auch wenn es nach diesem Beitrag selbstverständlich sein sollte: Keine Lösung ist es, am Anfang eines Textes eine Fußnote oder einen Satz zu platzieren, der darauf hinweist, das selbstverständlich alle Geschlechter mitgemeint seien, aber aus Gründen der Lesbarkeit darauf verzichtet würde. Dieses Vorgehen widerspricht grundlegend der Idee einer antidiskriminierenden Sprache. Er ist nicht besser lesbar, es sei denn „man“ ist privilegiert und findet sich daher auch sofort wieder.

 

Dieser Beitrag erschien in Zivilcourage 04/2014

Blutspender sind Helden – es sei denn sie sind schwul

Heute ist Weltblutspendetag. Eine Kampagne “Blutspender sind Helden” soll das müde Spendenbewusstsein ankurbeln. Nur 3% der im blutspendefähigen Alter seienden spenden, so die Klage der Krankenhäuser und Pharmafirmen. Selber schuld. Ein teil der Bevölkerung wird nicht erreicht, nämlich diejenigen, die sich als schwul definieren, bzw. Männer, die irgendwann einmal Sex mit Männern hatten. Unter Generalverdacht gestellt dürfen sie in der Bundesrepublik zeitlebens kein Blut spenden. Das ist nicht nur unsinnig, sondern in höchstem Maße diskriminierend. Bei einem diagnostischem Fenster vom 9-11 Tagen für die Erkennung von HIV-positivem Blut gibt es keine wissenschaftlich nachvollziehbare Begründung für dieses Vorgehen. Im Gegensatz zu anderen Ländern wird nicht das Sexualverhalten, also das tatsächlich bestehende Risiko – unabhängig von der sexuellen orientierung, sondern eben diese zum Maßstab herangezogen. Länder wie Spanien und Italien haben das erkannt und betreiben schon seit Jahren keine solcherart diskriminierende Politik mehr. Hier ist kein Paradigmenwechsel in Sicht. Es darf munter weiter diskriminiert werden.

Längere Artikel mit der Auseinandersetzung zu den Hintergründen aus dem Jahre 2011 und 2003 gibt es hier.