Desertiert, um zu leben – Die Flucht von Christoph Scheytt und Walter Rieg

Lange hat es gedauert, bis der Bundestag die Rehabilitierung der Urteile der NS-Militärjustiz beschlossen hat. Die gesellschaftliche Stigmatisierung und die damit selbst empfundene Scham, etwas falsch gemacht zu haben, als man die Wehrmacht verließ, sich – aus was für Gründen auch immer – verweigerte weiterzumachen, wirkt bis heute nach. Nur so ist es zu erklären, dass es vergleichsweise wenig Erlebensberichte von Deserteuren des Zweiten Weltkrieges gibt. Es gibt einige Schriftsteller, die sich autobiographisch dem Thema näherten, wie Alfred Andersch, Gerhard Zwerenz oder Heinrich Böll, aber sonst fehlen Beschreibungen oder sie erschienen erst in letzter Zeit, Jahrzehnte nach dem Kriegsende. Beispielhaft sei hier das Buch „Bremsklötze am Siegeswagen der Nation“ von Hand Frese erwähnt, das über 30 Jahre warten musste, bis sich ein Verlag fand, der bereit war, es zu publizieren.

Einen weiteren kleinen Puzzlestein in der Betrachtung der Geschichte der Deserteure liefert nun das Buch „Wohin wir gehen: Geschichte einer Fahnenflucht“ von Christoph Scheytt, in der er die gemeinsame Flucht mit Walter Rieg aus der Wehrmacht schildert. Beide Jahrgang 1928, wachsen sie in einer Kleinstadt im Schwäbischen Wald auf und werden 1944 als Flakhelfer nach Berlin eingezogen. Als kritische Geister ecken sie an, werden schikaniert und tragen sich – unabhängig voneinander – mit dem Gedanken an Flucht. Schließlich entscheiden sie sich gemeinsam, zu fliehen, wohlwissend was sie erwartet, sollten sie erwischt werden. Der Rest der Einheit wird bei Kämpfen um das Reichssportfeld verheizt. Die beiden entscheiden nach Hause nach Murrhardt zu ziehen.

Mit vielen anregend geschriebenen Anekdoten schildert Scheytt die Flucht und das unglaubliche Glück, das sie hatten, durchzukommen – zwischen einer sich auflösenden Wehrmacht und der Feldgendarmerie, den so genannten Kettenhunden auf der Suche nach Deserteuren, aber auch der herannahenden amerikanischen Armee. Eindrücklich wird der Wahnsinn des Krieges deutlich – wenn nur Zufälle zwischen Leben und Tod zweier Jugendlicher stehen.

Das Buch entstand aus einem Gespräch Christoph Scheytts mit seinem Enkel als sie gemeinsam den ‚Jakobsweg‘ gingen. Die täglich erzählten Gespräche wurden so abends zu Papier gebracht. Es wäre zu wünschen, das weitere Erzählungen wie diese erscheinen, die ein anderes Bild von Krieg und Willkür zeichnen.

Christoph Scheytt: Wohin wir gehen – Geschichte einer Fahnenflucht,
Klemm-Oelschläger, Münster und Ulm 2013

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