In eigener Sache: Vortrag in Leipzig am 9.11.2017 – Militär, Männlichkeit, Gender – die Geschlechterperspektive und Frieden

Gerne verweise ich auf einen Vortrag, zu dem mich die amnesty Hoschulgruppe Leipzig eingeladen hat:

Militär, Männlichkeit, Gender – die Geschlechterperspektive und Frieden

9.11.2017, 19.00 Uhr Leizig, Hörsaal 7, Hörsaalgebäude

Die Frage nach der Geschlechterperspektive spielte bei der Analyse von Konflikten und Kriegen bisher eine untergeordnete Rolle. Das Motiv „FrauenundKinder“ wurde in der feministischen Friedens- und Konfliktforschung betrachtet. Kritisiert wurde dabei, dass „FrauenundKinder“ in den aktuellen gesellschaftlichen Aushandlungen meist als Opfer militärischer Konflikte betrachtet werden, als zu beschützende Objekte. Sie kommen damit nicht als eigenständige und handelnde Akteur*innen in den Blick. Sie werden einmal mehr entmündigt. Männlichkeiten gilt es genauer zu prüfen – hegemoniale Männlichkeit unterstützt militaristische Logik; andere Männlichkeiten können hingegen anschlussfähig für Friedensbestrebungen sein. Klar ist mittlerweile, dass auch in militärischen Konflikten auch Männer etwa von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Die Analyse von Männlichkeit, Machtstrukturen und Gehorsamsproduktion zu verstehen und zu dekonstruieren, ist für die Entwicklung friedlicher Konfliktlösungsstrategien bedeutsam.

In der Friedensarbeit ist ein Blick auf Gender also notwendiger denn je. Heute dienen gar Frauen- und Homosexuellenrechte als Begründung für geführte und zu führende Kriege. „Embedded feminism“ und „Homonationalismus“ erklären als Analysekategorien die Vereinnahmung vormals emanzipatorischer Ansätze für hegemoniale westliche Politiken.

Ralf Buchterkirchen wird in seinem Vortrag die Bedeutung der Geschlechterperspektive theoretisch und mit Blick auf die antimilitaristische Praxis vorstellen. Er ist eine*r der Bundessprecher*innen der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und bloggt zu antimilitaristischen und queeren Fragen auf www.verqueert.de.

Hamburg hat ein Deserteursdenkmal – und was für eines!

Am 24. November wurde in Hamburgs Innenstadt das Deserteursdenkmal eingeweiht.
Schon im Jahr 2010 wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung in Ohlsdorf, wo die Willi-Bredel-Gesellschaft an 68 namentlich bekannte Opfer der NS-Militärjustiz erinnert hatte, die Frage gestellt, wo denn in Hamburg ein Gedenkort für die hingerichteten Deserteure entstehen sollte. Hier kam erstmals der Vorschlag auf, solch einen Gedenkort beim Kriegsklotz am Dammtor zu errichten. Es sollte noch einige Zeit dauern, aber nun ist es endlich so weit.
Hamburg hat einen Gedenkort für Deserteue und andere Opfer der NS-Militärjustiz. Vor dem Kriegsklotz steht nun eine kleine Mauer mit der Aufschrift: “Der zweite Weltkrieg war ein Anggriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen”. Dieser Beschluss des Bundestages vom 15.Mai 1997 steht damit sinnbildlich für den neuen Umgang. Seitlich des Kriegsklotzes in direkter Erwiderung des dort angebrachten Spruches “Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen” verästeln sich am neuen Deserteursdenkmal die Worte Helmut Heißenbüttels des Textes Deutschland 1944. – eine Installation die zum Blickwinkel verschieben, nachdenken und hinterfragen einlädt. Ergänzt wird das Denkmal durch eine integrierte Hörcollage, die mit Lebensdaten der Hingerichteten aufwartet. Alles in allem eine rundum spannende und moderne Gedenkinstallation. Schade nur das Hannover nicht den Mut hatte einen ähnlichen offenen Weg zu gehen.
Begleitet wurde die Eröffnung – gehalten vom Hamburger Bürgermeister Scholz und dem Deserteur Ludwig Baumann – von der Forderung einiger DFG-VK Aktiver für ein Asylrecht für Deserteure, verbunden mit der Forderung, die Bundeswehr abzuschaffen.

zur Erinnerung: Gerhard Zwerenz: “Soldaten sind Mörder”

Der Deserteur ist in allen Armeen der schlimmste Feind, schlimmer als der Feindsoldat, denn er widersteht dem Befehl zum Töten und nimmt lieber den eigenen Tod in Kauf, was die Ohnmacht seiner Vorgesetzten beweist und erklärt, weshalb der Fangschuss, der Deserteuren nach der Exekution verabreicht wird, selten aus einer Kugel, meist aus mehreren Schüssen besteht, obwohl es nicht notwendig ist, bietet der bereits Erschossene doch das beste Ziel, und aus nächster Nähe. In den üblichen Mehrfachfangschüssen verrät sich die Wut der Fahnengetreuen gegenüber dem Fahnenflüchtigen, der diejenige Schuld nicht auf sich nehmen wollte, die die anderen unerschütterlich und empfindungslos tragen. […] Ohne Exekution derer, die sich mitzumachen weigern, kein Krieg. Das wissen die Generäle und Juristen; ihre Teilhabe an den Todesschüssen hält die Welt in Ordnung, an der der Deserteur rüttelt, und sei es, wie in manchen Fällen,
nur aus Angst, Unwillen, Egozentrik. Der Deserteur aber, der die Naziwehrmacht verließ, spricht mit seinem Weggang jeden, der bei ihr blieb, schuldig.
Gerhard Zwerenz: „Soldaten sind Mörder“ –die Deutschen und der Krieg, München 1988, S.422f

Heute ist der Deserteur und Schrifsteller Gerhard Zwerenz verstorben.