Deserteursdebatte in Hannover

erschienen in Forum Pazifismus Heft 37 1/2013

Für alle Beteiligten überraschend hat Hannover seit Januar 2012 eine Deserteursdebatte. Der Kulturauschuss des Rates beauftragte die Stadtverwaltung mit der konzeptionellen (Neu-)Gestaltung des „Denkmal für den unbekannten Deserteur“. Nachdem die Initiative für ein Deserteursdenkmal jahrelang versuchte das Thema auf die politische Agenda zu bringen,  eine angemessene Würdigung der wegen Desertion, Wehrkraftzersetzung bzw. Kriegsverrat verurteilten Soldaten zu erreichen und vor allem ihre  individuellen Motive für die Gehorsamsverweigerung in den Blick zu rücken, kam nun von offizieller Seite ein Anstoß zum Diskurs.

Allerdings: Der darauf folgende Vorschlag der Stadtverwaltung war ernüchternd. Aber der Reihe nach:

Die Rolle Hannovers im Zweiten Weltkrieg

Hannover gehörte während des Zweiten Weltkrieges zu den 5 bedeutendsten Rüstungsstandorten. Auch militärisch spielte die Stadt als Heimat zahlreicher Einheiten und Kommandostrukturen eine wesentliche Rolle. Auf dem Schießplatz in Vahrenwald (dem heutigem Gelände der Feldjägerschule der Bundeswehr, der Emmich-Cambrai-Kaserne) wurden Soldaten wegen Desertion hingerichtet, im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Am Waterlooplatz warteten sie auf ihre Hinrichtung, begraben liegen die meisten auf dem Fössefeldfriedhof in Linden. Für mindestens 15 Soldaten ist dies belegt.[1] Aktuelle Zahlen Schätzungen gehen von mindestens 43 Hinrichtungen aus.[2] Nicht vergessen werden sollen unter diesem Gesichtspunkt aber auch jene Soldaten, die aus Hannover kommend, im Verlaufe des Krieges ihrem Gewissen den Vorrang vor Befehlstreue gaben. Für 36 Soldaten liegen entsprechende Nachweise vor.

Ein erstes Denkmal

Bis zum Ende der 80er Jahre war dieses Stück hannoverscher Geschichte kein Thema, welches größere Kreise interessierte. Im Rahmen einer „Initiative für totale Kriegsdienstverweigerung/ Kriegsdienstverweigerung“, welche sich neben praktische KDV-Arbeit auch mit Desertion beschäftigte wurde im Sommer 1990 am Rande eines ASTA-Universitäts-Sommerfestes in einer Nacht- und Nebel-Aktion ein Denkmal für den unbekannten Deserteur erstellt. Unabhängig von politischen Organisationen, doch unterstützt von Friedensgruppen, dem ASTA und später den Grünen fertigten die Künstler um Arne Witt ein Denkmal. Es zeigt, auf dem Boden abgelegt, einen Stahlhelm und Militärstiefel. Stiefelabdrücke führen zu dieser Stelle hin und Fußspuren – barfuß – von ihr weg. Der Weg der Desertion – die Entscheidung, dem Militär zu entsagen – sollte so plastisch aufgezeigt werden. Ziel war es, eine Debatte um die individuelle Verweigerung des Kriegsdienstes anzuregen. ->weiterlesen “Deserteursdebatte in Hannover” »

Linktipp: Political Correctness

Ein kleiner Linktipp am Rande: Daniel von <3 hat sich dem Thema political correctness gewidmet. Endlich möchte man sagen. Er kommt zu der Aussage:

“Political Correctness soll die Sprache weniger diskriminierend machen. Ja, Sprache ist diskriminierend. Und das ist auch kein Wunder, hängt sie ja schließlich trotz allem irgendwie mit der Realität zusammen und wie sollen sich bitte z. B. Jahrhunderte mangelnder Gleichberechtigung und Verachtung von Frauen, Homosexuellen und Schwarzen nicht in der Sprache niederschlagen? Aber seit einigen Jahrzehnten ist das ja zum Glück ein wenig anders. Wir werden zunehmend sensibler für sprachliche Diskriminierungen – allen voran die Betroffenen. Die halten nämlich nicht mehr den Mund, wenn sie diskriminiert werden. Dann wirft sich der WHM an der Kasse des Sprachsupermarktes auf den Boden und brüllt, weil er sich das N-Wort nicht mitnehmen oder „schwul“ nicht als Schimpfwort benutzen darf. Und sie schimpfen auf all die, die sie dafür zur Rechenschaft ziehen.

Die Wahrheit ist: Political Correctness ist super, weil sie dazu führt, dass weniger Leute diskriminiert werden.”

Genau. und weil das so ist, möchte ich den Artikel auch gerne weiterempfehlen. Hier geht es zum Beitrag