Springe zum Inhalt

Viele gute Gründe gegen G20 (quelle: https://gegeng20hannover.blackblogs.org/)

Von Hannover nach Hamburg

Am 7. und 8. Juli wollen sich die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten in Hamburg zu ihrem jährlichen Gipfel treffen. Es soll unter anderem um Themen wie die “Bekämpfung” von Fluchtursachen, Klimawandel und Armut gehen. Doch dies wird ohne die Beteiligung der relevanten Akteure und Betroffenen dieser globalen Zustände geschehen und ohne die Lebensumstände dieser Menschen im Blick zu haben. Im Gegenteil: Es wird darum gehen, den ökonomischen und ökologischen Status quo beizubehalten und hierbei intern die Macht zu verteilen. Deutschland will sich dabei als Hort der Vernunft und des Ausgleichs präsentieren, während es gleichzeitig die Grenzen der Festung Europa dicht macht und Griechenland und anderen Staaten Verarmungspolitiken aufzwingt. Wir werden unsere Ablehnung der kalten und grausamen Welt des globalen Kapitalismus deutlich machen, wie sie von den G20 repräsentiert und organisiert wird. Als “Hannover-Bündnis gegen G20” bringen wir unsere Solidarität mit all jenen zum Ausdruck, die weltweit durch Proteste, Streiks oder Aufstände der Politik der G20 entgegentreten. Wir laden alle Menschen in und um Hannover ein, die unsere Empörung und unsere Hoffnung teilen, zum Mitmachen ein.

Zu den Veranstaltungen der Reihe

Zu den Anfahrtsmöglichkeiten nach Hamburg

Am Montag waren wir zu Gast bei der baskischen Gewerkschaft LAB.

Die Gewerkschaft Langile Abertzaleen Bartzordeak (LAB) ist die zweitgrößte baskische Gewerkschaft, nach der ebenfalls nur im Baskenland vertretenen ELA. Sie ist als Einzige im gesamten Baskenland aktiv (also dem französischen und dem spanischen Teil).

Wir sprachen mit der Gewerkschaftlerin Aitziber Barandika, ergänzt und übersetzt durch Klaus und Andrea von Baskale dem baskisch deutschen Kulturverein. Sie sprach über neue Ansätze für Gewerkschaftspolitik, dem politischen Ansatz und den Prozess der Unabhängigkeit des Baskenlandes, den LAB unterstützt, feministische Gewerkschaftsarbeit, die Schwierigkeiten von emanzipativer Gewerkschaftsarbeit in Spanien und insbesondere im Baskenland, Generalstreiks und das Verhältnis zu anderen Gewerkschaften, wie ELA.

Das leicht gekürzte Video der Veranstaltung findet sich hier.

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Ich möchte aber nicht versäumen, auf einige angesprochene Punkte unabhängig davon direkt einzugehen, ausführlichere Infos dazu finden sich dann im Video.

Das Recht auf Unabhängigkeit verbunden mit einer sozialen Umgestaltung hin zu mehr Gerechtigkeit ist die inhaltliche Hauptstütze von LAB, dabei wird, so Aitziber Barandika, Unabhängigkeit nicht mit dem Ziel einen neuen kapitalistischen Staat in einem neoliberalen Europa verstanden, sondern es gelte neue Konzepte zu entwickeln.

Die Gewerkschaften befinden sich, so die Gewerkschaftlerin in einem gewaltigen Umbruch. Immer noch ist das Gewerkschaftsmodell des 19. Jahrhunderts prägend, welches sich fast ausschließlich an Arbeitende, insbesondere an Weiße und Männer richtet. Klassische spanische Gewerkschaften sind zu sehr von staatlicher Unterstützung abhängig und damit zu stark auf Partnerschaften angewiesen, was zu schlechten Kompromissen führt. LAB ist dagegen unabhängig und versteht sich als konfrontative Gewerkschaft. Allerdings besteht das prinzipielle Problem der Vertretungsmacht abseits betrieblicher Bündnisse. Neben Industrie, öffentlichen Diensten und privaten Diensten wird sich LAB auf ihrem nächsten Gewerkschaftstreffen mit einer vierten Arbeitsbereich beschäftigen und (hoffentlich) deren Aufbau beschließen. Dieser vierte Bereich – soziale Mobilisierung genannt, soll territoriale Aktivierungen auch außerhalb klassischer Unternehmensstrukturen entwickeln. Gewerkschaftliche Vertretung soll nicht am Betriebstor aufhören. Hauptproblem ist derzeit, das ein hoher Grad an Scheinselbständigkeit und Kleinstunternehmen vorherrscht und für diese keine direkte Vertretung möglich ist. Über regionale Bündnisse und regionale Tarifverträge (und nicht nur rein betriebliche) sollen auch diese – von klassischer Gewerkschaftsarbeit Ausgeschlossenen – unterstützt werden. Zielgruppen sind Zuwanderer und prekär Beschäftigte, bzw. eine Sozialgesellschaft über rein betriebliche Bündnisse hinaus. Der Ansatz, der hier nur mit wenigen Worten beschrieben werden kann, verdient sicher mehr Beachtung.

LAB versteht sich als baskisch, als feministisch, konfrontative und als politische Gewerkschaft. Damit wird sie zum Hautangriffspunkt nicht nur der großen etablierten spanischen Gewerkschaften, sondern auch der politischen Rechten. Inhaltlich versucht LAB gesellschaftliche Entwicklungen emanzipatorisch aufzugreifen, so fließt beispielsweise die Erkenntnis, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt bereits in ihre Arbeit ein und es wird entsprechend versucht passende Angebote zu schaffen.

Politisch sein, heißt für LAB auch, sich für die Rechte der politischen Gefangenen einzusetzen. Mit der Kampagne #ireki (bask. für öffnen) setzt sie sich beispielsweise für heimatnahe Haft der ETA-Gefangenen ein.

Dies war Teil Zwei meines Videoblogs zu Gernika 2017.

Die Einleitung findet sich hier.

Teil 1 – Die Begrüßung

Teil 2 – Treffen mit der Gewerkschaft LAB

Teil 3 – 15.45: 4 Minuten

Teil 4 - Die Zeit des Schweigens durchbrechen

Teil 5 - Die Lügen sind bis heute aktuell

Teil 6 - Abschluss independentzia - Unabhängigkeit

 

In Büchel lagern Atomwaffen, das ist ein offenes Geheimnis. Nicht erst durch die Aufrüstungspläne Trumps und der deutschen Regierung droht ein neuer Rüstungswettlauf. Gegen diesen und die Stationierung von Atomwaffen regt sich in der Region um Büchel seit Jahren Widerstand.

Ab 26.März werden für 20 Wochen (da 20 Bomben) Aktionstage und eine Dauerräsenz in Büchel organisiert. Den Auftakt macht eine Aktion, die deutlich machen soll: Büchel ist überall. Friedensbewegte, Bürgermeister und Stadträte aus Mayors for Peace - Mitgliedsorten, engagierte Abgeordnete werden zum Abrüstungspoltischen Matinee in Cochem und Mahnwache in Büchel eingeladen.

Mehr und aktuelle Infos gibt es unter http://www.atomwaffenfrei.de/.

Ein Mobilisierungsvideo gibt es auch:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Ostersamstag, 15. April 2017

11:00 Uhr in der Aegidienkirche: Gedenken
danach Start der Demo durch die Innenstadt
Kundgebung am Steintor ab 12:00 Uhr

Wir wollen es anders:
Investieren in Frieden und Gerechtigkeit – nicht in Waffen und Kriege

Kriege und Konflikte weltweit!
Armut und Kriege sind die Folgen des globalen Verteilungskampfes. Deutschland und die westlichen Industrienationen sind daran maßgeblich beteiligt. Die Bundesregierung strebt nicht erst seit dem im Juli verabschiedeten Weißbuch 2016 eine führende militärische Rolle überall in der Welt an.
Dies dient nicht dem Frieden in der Welt. Spannungen werden verschärft. Die Gewalt weltweit - auch bei uns - nimmt zu. Deutschland muss auf jegliches militärisches Engagement verzichten und sollte stattdessen eine Vorreiterrolle in ziviler Konfliktbearbeitung übernehmen und die realen Kriegs- und Fluchtursachen bekämpfen helfen. Statt die Militärausgaben entsprechend den NATO-Forderungen fast zu verdoppeln und ein EU-Militärbündnis zu schmieden, sind finanzielle Mittel dringend für zivile und soziale Projekte – auch für den inneren Frieden - erforderlich. Die militärische Ausrüstung der NATO ist aber nicht nur ein finanzielles Problem, sondern sie verschärft bereits vorhandene Spannungen und schafft weitere Kriegsgefahren.

Die NATO zeigt ihren aggressiven Charakter immer deutlicher. Durch provozierende Manöver an der EU-Grenze zu Russland und die Präsenz der NATO in vielen Regionen der Welt unter Einbeziehung der Drohung, auch Atomwaffen als erste einzusetzen, werden neue Kriegsgefahren geschaffen.

Derzeit liegt der UNO-Generalversammlung eine verabschiedete Resolution vor, in der Verhandlungen über ein Verbot von Atomwaffen weltweit noch 2017 gefordert werden. 123 Staaten, und damit eine große Mehrheit der Vereinten Nationen, votierten dafür. 38 Staaten angeführt von Russland, den USA und den meisten NATO-Staaten und auch Deutschland stimmten dagegen, 16 Staaten enthielten sich der Stimme. Endlich haben es die atomwaffenfreien Staaten gewagt, die Atomwaffenstaaten und ihre Alliierten in Fragen bzgl. der Atomwaffen zu überstimmen. Aber: Indem die Bundesregierung gegen ein Atomwaffenverbot stimmt, stellt sie sich gegen die Einsicht und das Wissen über das Vernichtungspotential der Atomwaffen und die Bedrohung der Existenz jeglichen Lebens auf der Erde.

Wir fordern daher:

  • Abschaffung aller Atomwaffen und sofortigen Abzug der Atomwaffen aus Büchel
  • Stopp aller Auslandseinsätze der Bundeswehr - kein Bundeswehreinsatz im Inneren
  • Schluss mit dem Export deutscher Waffen und Einsatz militärisch nutzbarer Drohnen
  • Abschaffung der NATO und die Unterstützung aller Schritte auf dem Weg dorthin
  • Aufbauhilfen für durch Krieg und Gewalt zerstörte Städte und Staaten
  • Grenzen öffnen für Menschen, Grenzen schließen für Waffen! Schaffung sicherer Fluchtkorridore nach Europa
  • Keine Werbung fürs Militär an und mit Minderjährigen – Bundeswehr raus aus den Schulen
  • Stopp aller Kriegshandlungen in Syrien
  • Start von Verhandlungen zum Rückzug aller militärischen und paramilitärischen Einheiten
  • Für das Selbstbestimmungsrecht der syrischen Zivilbevölkerung

Gegen Ausbeutung und Unterdrückung für eine gerechte Teilhabe am

Reichtum der Welt für alle Länder

Die  Ausbeutung von Mensch und Natur führt im globalen Süden zu wachsender Not, Hunger und Verzweiflung – und damit zu Gewalt und Kriegen. Eine der zentralen Voraussetzungen für Frieden, Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben ist ein Welthandel, der allen nutzt, statt dem Profit einer kleinen Elite zu dienen.

Durch ungerechte Wirtschaftsverträge, z.B. zwischen der EU und afrikanischen Ländern, profitieren einseitig die reichen Industrienationen, ohne dass gleichzeitig die Entwicklung der afrikanischen Partnerländer angemessen gefördert wird. Die Entwicklungsunterschiede vergrößern sich und die Verarmung nimmt zu. Die Ausbeutung der Ressourcen durch ausländische Kapitalgesellschaften, einschließlich der illegitimen Aneignung von Landflächen, entzieht der einheimischen Bevölkerung ihre Existenzgrundlage und weitere Abhängigkeiten werden erzeugt. Konkurrenz durch subventionierte Agrarprodukte und Exporte schädigen die einheimischen Wirtschaftsstrukturen. Menschen werden so zur Flucht gezwungen.

Wir fordern daher:

  • Eine weitgehend lokal organisierte Wirtschaft mit Zugang zu sauberem Trinkwasser
  • Für eine gravierende Beschneidung der Rechte global agierender Konzerne, um Ressourcenklau ebenso wie Zerstörung heimischer Märkte zu unterbinden
  • Zugang zu Bildung in allen Ländern für alle Menschen
  • Für eine nachhaltige Unterstützung für hungernde und an Mangelernährung leidende Menschen, vor allem auch in Flüchtlingslagern

Für eine gerechte und solidarische Gesellschaft bei uns

Viele Produkte, die bei uns (z.T. sehr billig) angeboten werden, sind unter unmenschlichen Bedingungen in Billiglohnländern hergestellt worden (z.B. durch Kinderarbeit). Wenn wir dies nicht wollen und eine gute Bezahlung für gute Produkte wünschen, dann setzt dies gute Löhne und eine umfassende soziale Absicherung voraus. Überall, aber eben auch bei uns, müssen ALLE Menschen in der Lage sein, angemessen zu leben und abgesichert zu sein. Ein gerechtes Steuersystem und der Verzicht auf Militärausgaben schaffen die notwendigen Voraussetzungen. Erwerbs-und Familienarbeit und kulturell-politische Arbeit muss im Erwachsenenleben gut miteinander verknüpfbar sein. Sinnerfüllte Arbeit mit der Chance auf ein sinnerfülltes Leben könnte politischer Abstinenz und der Empfänglichkeit für rechte Parolen entgegenwirken und Kraft und Zeit für gesellschaftliches Engagement freisetzen.

 Wir fordern daher:

  • Löhne müssen für ein gutes Leben reichen
  • gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist nötig, kein schlechteres Lohnniveau für „typische Frauenberufe“
  • Erwerbs- und Familienarbeit müssen vereinbar sein.
  • flächendeckende und bezahlbare Krankenversorgung für alle
  • soziale Absicherung für kranke Menschen, Menschen in Not, Menschen, die vor Gewalt fliehen oder denen Altersarmut droht
  • gleiche Bildungschancen für alle.

H&K spielt ja auf diesem Blog gelegentlich eine Rolle. Insofern war die Selbstankündigung des Waffenlieferanten nicht mehr in Krisengebiete liefern zu wollen auch für uns überraschend. DFG-VK und Rüstungsinformationsbüro vom 1.12.2016, nehmen die Agrumentation der Hersteller der Mordmaschinen  etwas näher unter die Lupe, wofür ich gerne Platz in meinem Blog einräume:

Hat der Heckler & Koch-Manager die Öffentlichkeit massiv getäuscht?

 ++ H&K behauptet gegen der dpa, nur noch „solide Länder“ mit Kriegswaffen beliefern zu wollen. Dessen ungeachtet genehmigte der Bundessicherheitsrat topaktuell Gewehrexporte an Indonesien, Malaysia und Südkorea. ++

++ Jürgen Grässlin: Verbietet die H&K-Geschäftsführung Gewehrexporte an „unsolide Länder“ – oder zählt weiterhin nur der Profit durch skrupellosen Waffenhandel? ++

Freiburg/Stuttgart. Was waren das für wohlige Worte, die ein anonymer Heckler & Koch (H&K)-Manager am 28.11.2016 gegenüber der dpa gewählt hatte: „Wir wollen nur noch solide Länder beliefern, also zweifelsfrei demokratisch, eindeutig nicht korrupt und in der Nato oder Nato-nah.“ In Funk und Fernsehen, Print- und Online-Medien wurde bundesweit umfassend und zumeist sehr positiv über den löblichen Kurswechsel beim Waffenhersteller aus Oberndorf am Neckar berichtet. Immerhin hatte ein Manager des tödlichsten Unternehmens Deutschlands einen Richtungswechsel in der bislang hemmungslosen Rüstungsexportpolitik verkündet. Ein in der mehr als 60-jährigen H&K-Firmengeschichte einmaliger Vorgang.

Allerdings handelte es sich bei dem dpa-Gespräch mit dem H&K-Manager augenscheinlich um eine reine Imagekampagne zur Besserung des stark ramponierten Rufes. Dieser Versuch wurde gestartet im Vorfeld des Konkurrenzwettbewerbs mit anderen Firmen zur Neubeschaffung von 178.000 Sturmgewehren für die Bundeswehr. Am 30. November 2016 – gerademal zwei Tage nach der Meldung des dpa-HK-Gespräches – schickte der zuständige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine Information über Abschließende Genehmigungsentscheidungen des Bundessicherheitsrates und des Vorbereitenden Ausschusses an den Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses im Deutschen Bundestag, Dr. Peter Ramsauer (CSU).

Darin teilt der Bundessicherheitsrat, der unter Führung von Angela Merkel (CDU/CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) in geheimer Sitzung tagt, mit, dass gleich drei „unsolide Länder“ mit H&K-Gewehren und –Bestandteilen beliefert werden dürfen:

Für Indonesien wurde genehmigt: 450 vollautomatische Gewehre, 150 Anbaugeräte, 50 Maschinengewehre, 100 Rohre für Maschinengewehre, 100 Maschinenpistolen und 500.000 Patronen (= Schuss Munition) Kaliber 4.6 im Gesamtwert von ca. 3,9 Millionen €.

Für Malaysia wurde genehmigt: 300 vollautomatische Gewehre, 300 Maschinenpistolen, 50 Maschinengewehre, 50 Rohre für Maschinengewehre im Wert von ca. 1,8 Millionen €.

Für Südkorea wurde genehmigt: 400 vollautomatische Gewehre, 60 Gehäuseoberteile im Wert von 1,3 Millionen €.

„Antragssteller“ ist laut Sigmar Gabriel in allen drei Fällen die „Heckler & Koch GmbH“.

Der AMNESTY INTERNATIONAL REPORT 2015/16 listet u.a. auf:

AI schreibt für Indonesien: „Es gab weiterhin Berichte über von Polizei- und Militärangehörigen verübte Menschenrechtsverletzungen wie rechtswidrige Tötungen, unnötige und unverhältnismäßige Gewaltanwendung, Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe. (S. 195)

AI schreibt für Malaysia: „Die Polizei setzte bei der Festnahme von Oppositionellen und Aktivisten unnötige exzessive Gewalt ein.“ und „Die Todesstrafe war weiterhin zwingend vorgesehen […].“ Von 1998 bis 2015 wurden 33 Hinrichtungen vollstreckt.(S. 299 f.)

AI schreibt für Südkorea: „Die Behörden schränkten die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit weiter ein.“ In Südkorea gilt noch immer die Todesstrafe.(S. 271 ff.) Südkorea liegt im Krisengebiet Ostasien und führte in der Vergangenheit Krieg mit Nordkorea.

„Jetzt ist die Geschäftsführung von Heckler & Koch gefragt. Sie muss öffentlich erklären, ob sie den Aussagen des anonymen H&K-Managers folgt und verbindlich für das Unternehmen erklärt, dass sie nur noch Kriegswaffenlieferungen an solide Länder genehmigt, die der Nato angehören oder Nato-nah sind“, erklärt der Rüstungsexperte Jürgen Grässlin. Als Nato-assoziierte Staaten gelten im Übrigen die Schweiz, Japan und Neuseeland.

„Oder exportiert Heckler & Koch stattdessen weiterhin an ‚unsolide Länder‘ wie Indonesien, Malaysia und Südkorea? Zählt damit weiterhin nur der Profit durch skrupellosen Waffenhandel? Falls dem so sein sollte, hat der anonyme H&K-Manager die dpa und damit die Öffentlichkeit offensichtlich massiv getäuscht“, so der Vorwurf Grässlins, dem Bundessprecher der Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ und der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) sowie Vorsitzender des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.)

ein Gastbeitrag vom Melissa Schultz

Jason Somervilles Karriere geht derzeit steil bergauf. Der Poker-Profi hat die Gaming-Community im Sturm erobert und hat schon mehr als 3.500.000 $ bei Live-Turnieren gewonnen. Fünf Millionen Zuschauer folgen ihm auf seinem Twitch-Kanal und seine Twitter-Fanbase wächst von Tag zu Tag. Derzeit ist der einzige männliche Profi-Pokerspieler der offen mit seiner Homosexualität umgeht. Er veröffentlichte in einem aufwendigen und innigen Blog-Eintrag sein lang gehütetes Geheimnis, wie auch seine emotionale Belastung.somerville

Die Entscheidung sich zu outen, nahm der Pokerspieler nicht so einfach auf die leichte Schulter. Eigentlich war der Gedanke, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, gar nicht geplant. Das änderte sich allerdings spätestens zu dem Zeitpunkt als sein Freund ihn zu einem Turnier in die Karibik begleiten wollte. Somerville wollte ihn nicht einfach als guten Freund abtun „Ich wollte der Beziehung nicht Respektlosigkeit entgegenbringen“ erklärt er ein einem Interview.

„Nach dem letzten ‚World Series of Poker‘ ging ich nach Hause und sagte mir: Du wirst dich nicht darauf konzentrieren Geld zu verdienen, du wirst darauf konzentrieren glücklich zu werden. Ich war allein und verärgert. Ich nahm einfach die Tatsache hin, dass ich unglücklich war ... Ich sagte mir, jetzt ist es genug.“somerville2

 

Für viele war das Coming-Out von Somerville eine schöne und herzerwärmende Sache. Bei einem Pokerspiel gibt es keine physischen Anforderungen, es besteht aus strategischer Analyse und psychologischer Einsicht – das bringt einen an die Spitze. Man könnte meinen, dass die Poker-Community offenherzig und einladend ist. Doch leider besteht immer noch die alte Vorstellung vom männlichen Ideal in den Köpfen vieler. Dieses alte Denken lässt sich auch aufgrund der Pokergeschichte nicht einfach mal über Bord werfen.

Es ist leider eine Tatsache, dass Bekannte Profi-Pokerspieler nicht gerade offen mit dem Thema um gehen, denn offensichtliche nicht-hetero Männer scheinen im Poker nicht besonders beliebt zu sein. Dies ist ein Überbleibsel einer alten Mentalität, denn die weltliche Standardansicht besagt „nichts fragen und nichts sagen.“ Somerville sieht offenbar zu dieser altmodischen Ansicht einen Nachholbedarf bei der Aufklärung zu dem Thema, denn trotz hunderter männlicher Profi-Spieler, hat sich nur einer öffentlich als schwul geoutet. Das „Poker Face“ impliziert einen emotionslosen Spieler und hat einen klaren Vorteil gegenüber jenen Spielern, die nicht in der Lage sind, ihre Gefühle zu verbergen und die in der weiteren Folge, Hinweise zu ihrem Blatt zugeben. Wer Emotion auf dem Kartentisch zeigt, zeigt zugleich Schwäche.vanessa-selbst

Beleidigungen wie „Homosexueller“ und „Schwuchtel“ werden so schnell wie Poker Chips über den Kartentisch geworfen – und das ständig, ohne das viel darüber nachgedacht wird, welchen Effekt diese Worte haben könnten. Typisch in einer hyper-maskulinen Kultur, in der es viele Alpha-Männchen gibt. In der Welt des Pokers bedeutet dies große Einsätze und die Macht Menschen einschüchtern zu können.

Auch die Casinos und die heteronormative Sexualisierung von Frauen sind damit verbunden. Neben jedem Casino in Las Vegas findet man einen Strip-Club, Millionen-Dollar-Jackpot-Gewinne werden mit einem Bild eines Starlets abgelichtet um sie zu promoten. Alles in allem ist die Umgebung für jene Pokerspieler, die nicht gerade dem „männlichen ideal“ entsprechen, nicht sehr entgegenkommend. Es ist interessant zu hören welche Meinung Vanessa Selbst zu dem Thema Diskriminierung Homosexueller in der professionellen Pokerwelt vertritt. Die offensichtliche homosexuelle Pokerlegende bewegt sich selbst in dieser heterozentrierten Umgebung und ist berühmt für ihre Intelligenz und ihr androgynes Aussehen. Sie behauptet, ihre sexuelle Orientierung sei nie ein Problem in ihrer Karriere gewesen. Eher noch, als ihre sexuelle Orientierung, war aber sehr wohl die Tatsache eine Frau in diesem männerdominanten Sport zu sein, ein Thema. „Ich habe nie Vorurteile gegenüber meiner Homosexualität erfahren, aber sehr wohl dafür eine Frau zu sein“, sagt Vanessa Selbst. Vielleicht gerade weil sie als Poker-Profi ein sehr jungenhaftes Aussehen mitbringt, fühlt sie sich in den Kreisen wohl, in denen sie spielt, aber das macht sie trotzdem nicht immun gegen Sexismus.

„... Manchmal werde ich nicht zu den Spielen eingeladen, weil die Männer nur unter sich sein wollen und das wird mir auch explizit so vermittelt.“NAPT Mohegan Sun 2011_5K Main Event_Day 1

Nach altem Klischeedenken ist Poker ein Spiel in der Herren-Zigarren-Lounge, wo keine Frauen erlaubt sind. Gespielt wird Poker, in anderen Worten, ein traditionelles Männer Spiel, mit allem, was dies mit sich bringt: Whiskey trinken, über Frauen reden und gelegentliches Geplänkel. Im Falle der Spieler Dan Bilzerian und Jeff Gross, die das „kleine Geplänkel“ einmal mehr wegen einer extremen Wette für zu voll genommen haben. Die Proposition Bets der Las-Vegas-Pros werden immer absurder, wobei Bilzerian Gross für ein LGBT Regenbogen-Tattoo auf dem Rücken $ 550.000 bezahlt haben soll. In anderen Worten, hält Bilzerian eine Tätowierung in Form eines Regenbogens für so erniedrigend und empfindet dies sogar als „Strafe“, dass er sogar $ 550.000 für eine Wette hingeblättert hat.

Was zweifelsohne als harmloser Spaß gedacht war, kam dann doch wohl anders rüber. Bilzerian und Gross könnten sich nicht weniger um die Rechte homosexueller Menschen scheren. Die LGBT-Bewegung ist nichts anderes als ein Gegenstand des Spottes für sie. Wegen Spielern wie Bilzerian und Gross werden homosexuelle Spieler sich zweimal überlegen, ob sie ihre sexuelle Orientierung enthüllen oder es doch lieber sein lassen.

Wie auch immer – Someville bereut sein öffentliches Coming-Out nicht, im Gegenteil. Dieser spricht von einer neugewonnen Freiheit und verrät, dass er überwiegend positives Feedback aus der Pokerwelt und der gesamten homosexuellen Gemeinde erfahren hat. Die Reaktionen der Menschen waren freundlich und hilfsbereit und er geht sogar so weit zu sagen, dass es der beste Tag seines Lebens gewesen sei. „Ich habe die Entscheidung getroffen, weil ich dachte, es wäre das Beste was ich für mich tun konnte, vielleicht kann mein Coming-Out-Prozess auch anderen helfen. Ich würde mich geehrt fühlen.“ sagt Somerville. Er ist zu einem Sprecher für homosexuellen Profi-Spieler avanciert und erntet dafür überwiegend positive Resonanz. Dieses vielversprechende Zeichen lenkt die Poker-Community in die richtige Richtung.

Können homosexuelle und transgender Spieler in Zukunft ihr Glück beim Online-Poker versuchen ohne dabei auf Vorurteile und Diskriminierungen auf dem Kartentisch zu stoßen? Dieser Gedanke bezieht sich natürlich auch auf die Diskriminierungen während den Live-Turnieren. „Poker sollte ein Spiel für jedermann sein, egal ob weiß, schwarz, christlich, jüdisch, weiblich, körperlich behindert, ein Ausländer oder sonst etwas“ so Somerville. Es wird Zeit, dass sich Poker ins 21. Jahrhundert bewegt.

Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera

ein Gastbeitrag von Heinz-Jürgen Voß

Die Bände „Adams Apfel und Evas Erbe“ des Biologen Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ des Pflanzenphysiologen und Biologen Ulrich Kutschera haben gesellschaftlich für Debatten gesorgt. Beide erwidern aktuellen Erkenntnissen der Geschlechterforschung; punktuell haben sie hierfür auch Arbeiten aus dieser Disziplin gelesen. Ulrich Kutschera macht das bereits im Titel kenntlich, in dem er hier Anleihe beim verbreiteten Buch „Gender-Paradoxien“ der  Soziologin und Geschlechterforscherin Judith Lorber nimmt, das 1999 auch in deutscher Sprache erschien(1995 auf Englisch).

Nach der Lektüre von Kutscheras Band ist Axel Meyers Publikation ein entspannender Stoff. Seine Aussagen sind gewiss streitbar, aber sie werden ruhig argumentierend vorgetragen. An verschiedenen Stellen wird kurz auch auf die wissenschaftlichen Gegenpositionen im biologischen Feld verwiesen – so z. B. auf den Populationsgenetiker Richard Lewontin, der in seinen Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre die Einengung und Erstarrung in biologischer Theoriebildung beklagt hatte, etwa in dem vielbeachteten Buch „Biology as Ideology“ (1991). Ebenso wird der Paläontologe Stephen Jay Gould, der in dem 1983 auch in deutscher Sprache erschienenen Werk „Der falsch vermessene Mensch“ rassistischen Vorannahmen in biologischer Forschung nachging, von Meyer – respektvoll – erwähnt.

„Adams Apfel und Evas Erbe“ liest sich dabei wie eine Einführung in die Genetik. So werden auf den ersten 130 Seiten die Grundlagen erörtert, damit auch Lai_innen den anschließenden spezifischeren Ausführungen genetischer Vorbestimmung des Geschlechts folgen können. Hier referiert Meyer auch kritische Einwände, wenn er etwa die zentrale Bedeutung des X- und des Y-Chromosoms für die Geschlechtsentwicklung benennt, aber gleichzeitig darauf verweist, dass selbst bei einigen Säugetierarten dieser chromosomale Unterschied nicht feststellbar sei (S. 162). Er geht darüber hinaus auch auf die Merkmalskombinationen X0-, XXY-Chromosomensatz etc. ein und thematisiert z. B. die Existenz von sogenannten XY-Frauen (also Menschen mit als „typisch männlich“ betrachtetem Chromosomensatz bei als „typisch weiblich“ betrachtetem Erscheinungsbild). Auf seine Weise eröffnet Meyer so den Zugang, um Variationen des Geschlechts zu erläutern. Daran anschließend geht er auf einige der Gene ein, denen mittlerweile Bedeutung in einem komplexen Netzwerk der Geschlechtsentwicklung zugeschrieben wird – es wäre lohnenswert diese Betrachtungen zum SRY-Gen, dem DMRT1-Gen, dem DAX1-Gen etc. mit den entsprechenden ausführlichen Beschreibungen im Schlusskapitel meines Buchs „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ (2010) in Diskussion zu bringen – die Ableitungen gehen übereinstimmend in Richtung variabler geschlechtlicher Entwicklung, bei divergierender Schwerpunktsetzung. Meyer wendet sich in seinen abschließenden Kapiteln Fragen möglicher biologischer Bedingtheit von Homosexualität zu und geht dabei ebenfalls auf verschiedene Sichtweisen ein, zeigt den widersprüchlichen Theoriestand der Biologie auf, lässt aber leider einige grundlegende Kritiken aus, die von Biolog_innen ebenso wie von lesbischen und schwulen Aktivist_innen vorgebracht wurden. In Bezug auf Geschlecht und Sexualität ergeben sich in den Erkenntnissen der Geschlechterforschung und denen, die Axel Meyer vorträgt, in vielen Positionen Übereinstimmungen, an anderer Stelle Differenzen, die – so vorgetragen – gut und gewinnbringend diskutiert werden können. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Wissenschaftler_innen miteinander im Gespräch und interdisziplinär interessiert sind.

Nicht unerwähnt bleiben kann allerdings, dass Meyer einzig bei Fragen der Erblichkeit von Intelligenz Theorien vorträgt, die indiskutabel biologisieren und nicht mehr haltbar sind. Bereits Stephen Jay Gould hatte ihnen begründet widersprochen; aktuelle wissenschaftlich fundierte Einwände gegen die dargestellten Erblichkeitsüberlegungen finden sich im 2009 publizierten deutschsprachigen Sammelband „Gemachte Differenz: Kontinuitäten biologischer ‚Rasse‘-Konzepte“.

Ulrich Kutschera hingegen tut sich und seiner wissenschaftlichen Expertise mit dem Buch „Das Gender-Paradoxon“ keinen Gefallen. Zu hektisch und aggressiv wird die eigene Argumentation vorgetragen, zu sehr reihen sich theoretische Versatzstücke aneinander und wechseln sich mit persönlichen Anekdoten ab. Wird seine 2001 erschienene „Evolutionsbiologie“ durchaus berechtigt als ein wichtiges Fachbuch in der Lehre zugrunde gelegt und spielt es dabei in einer Liga mit dem von der Biologin und Museologin Ilsa Jahn herausgegebenem Standardwerk „Geschichte der Biologie“ (1985) sowie den gemeinsamen Veröffentlichungen der Biologiehistoriker, Didaktiker und Evolutionsbiologen Thomas Junker und Uwe Hoßfeld (z. B. „Die Entdeckung der Evolution: Eine revolutionäre Theorie und ihre Geschichte“, 2001) – so gilt das nicht für Kutscheras aktuellen Band.

Der Charakter von „Das Gender-Paradoxon“ als politische Kampfschrift wird bereits im Klappentext deutlich. Kutschera wendet sich mit dem Buch gegen die aktuelle Gleichstellungspolitik, in der er eine Missachtung biologischer geschlechtlicher Grundlagen erkennt. Doch statt streitbaren Lesegenuss durch fokussierte Argumentationsführung zu bieten,  verheddert sich Kutschera im anekdotischen Klein-Klein. Gleichzeitig ist er aber schon bei basalen Definitionen ungenau, wenn er etwa schreibt: „Der englische Begriff ‚Sex‘ steht in der Biologie einerseits, vereinfacht, für ‚Befruchtung‘ (d. h. zweigeschlechtliche Fortpflanzung, sexual reproduction), andererseits aber auch für ‚Geschlecht‘ (Gender).“ (S. 19f) Ein kurzer Blick ins Wörterbuch eröffnet die korrekte Perspektive, dass „Sex“ zum einen den sexuellen Akt meinen kann, der dabei auch oral und anal erfolgen darf, zum anderen das biologische Geschlecht. Hingegen steht er gerade nicht für das soziale Geschlecht, das im Englischen „Gender“ genannt wird.

Durch Kutscheras Schrift ziehen sich Begriffe wie „genderistisch“ und „Gender-Ideologie“ (er verwendet das rechte Schlagwort ohne jeden Bezug auf wissenschaftliche Ideologietheorien). Selbst die biologische Fachzeitschrift Nature sei „inzwischen genderistisch unterwandert“ (S. 39), nur weil sie auch Bücher rezensiert, die nicht zu hundert Prozent der Sichtweise des Autors entsprechen. Brüsk weist Kutschera etwa die Sichtweise der (US-amerikanischen) Amerikanistin Kimberly A. Hamlin zurück, die in ihrem Buch „From Eve to Evolution“ (2014) feministische Perspektiven von und auf Charles Darwin eröffnet hatte. Dabei ist gerade auch diese Auseinandersetzung relevant, da zum Beispiel Paul Julius Möbius, der mit seiner frauenverachtenden Schrift „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ um 1900 für Aufsehen sorgte, seinen Gegner_innen vorwarf, „darwinistischer Schwärmerei“ nachzuhängen. Sie hatten aus Charles Darwins Beschreibungen der Wichtigkeit des Handwerksgebrauchs und der Sprache für die evolutionäre menschliche Gehirnentwicklung und seinen Ausführungen, dass Fähigkeiten, bei vorteilhafter Wirkung, durch Übung evolutionär Verbreitung finden könnten, geschlossen, dass Frauen nicht weiter gehindert werden sollten, ihre Verstandeskräfte zu üben. Spät, ab dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wurden auch die deutschen Universitäten regulär für Frauen geöffnet, in den 1920er Jahren konnten sich die ersten von ihnen habilitieren. Kutschera aber widerspricht noch heute Sichtweisen „Darwin’schen Feminismus“ (S. 20).

Abenteuerlich werden die Darlegungen, wenn Ulrich Kutschera die traumatisierende Behandlungspraxis gegen intersexuelle Kinder, die, etwas abgewandelt, noch immer in Deutschland stattfindet, nicht etwa einer zweigeschlechtlichen Norm und ihrer Medizin zuschreiben will, sondern der Geschlechterforschung anlastet. Zwei Argumente sprechen hier mit Klarheit dagegen: Das Routinebehandlungsprogramm, das seit den 1950er Jahren zur Zuweisung und Vereindeutigung „untypischen“ Geschlechts angewandt wurde und zentral mit den Namen John Money, John und Joan Hampson verknüpft ist, wurde in ähnlicher Weise bereits von dem Nazi-Gynäkologen Hans Christian Naujoks[1] vorgestellt. In seinem 1934 publizierten Aufsatz „Über echte Zwitterbildung beim Menschen und ihre Beeinflussung“ stellt er ausführlich Möglichkeiten korrigierender operativer und hormoneller Eingriffe vor. Selbst wenn man der Geschlechterforschung Schlechtes will, wird man nicht behaupten können, dass es sie bereits in den 1930er oder in den frühen 1950er Jahren gegeben habe. Wie sich das gewaltvolle Behandlungsprogramm gegen intersexuelle Kinder konkret entwickelt hat, harrt der Untersuchung, z.B. durch die Geschlechterforschung – dabei sollte gerade die Entwicklung der methodischen Instrumente und des theoretischen Argumentationsrahmens, wie sie von Deutschland ausgingen, in den Fokus rücken. Wertvoll wäre, wenn Kutschera zumindest den aktuellen Kampf Intersexueller für das Verbot der geschlechtszuweisenden und -vereindeutigenden medizinischen Behandlungspraxis, die er zu Recht kritisiert, auch konkret unterstützen würde, anstatt Intersexuelle einfach nur als „Beleg“ für seine Theorien anzuführen. Das gilt indes auch für Axel Meyer, der bezüglich Intersexualität ähnlich kurzschlüssig wie Kutschera ist und sich bisher ebenso wenig durch die Unterstützung der Selbstorganisationen Intersexueller hervorgetan hat.

Heinz-Jürgen Voß, diplomierter Biologe und promovierter Sozialwissenschaftler, ist Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg

[1] Naujoks war 1933 in die NSDAP eingetreten und begrüßte bereits 1934 vehement das NS‐Sterilisationsgesetz. Nach 1945 machte er in der Bundesrepublik Karriere – in Marburg und Frankfurt. 1951 wurde er Präsident der Gesellschaft für Gynäkologie (vgl. Klee 22011: 428f.).

Ich stimme der Nutzung meiner Daten, gemäß Datenschutzhinweis zu

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen